Von Joachim v. Kürenberg

In Europa gibt es kaum eine Straße, in der solcher Höllenlärm herrscht wie in der Via Maqueda in Palermo. Jeder ist hier bemüht, alle anderen im Lärmmachen zu übertreffen: Autochauffeure lassen unausgesetzt ihre Hupen ertönen, Kutscher knallen und schreien, als ob sie dafür bezahlt würden, unaufhörlich schrillen die Klingeln der Radfahrer und tuten die Omnibusse und Lastwagen, die sich mühsam aber geschickt durch die enge Straße winden, dabei bemüht, die Passanten nicht von den Straßenkanten mitzuschleifen. Um sich in diesem Höllenspektakel verständigen zu können, müssen die Menschen brüllen oder schreien wie die Zeitungsjungen, die wild dahin stürmend, ihre Blätter anbieten.

Im Decrescendo verfolgt dieser Straßenlärm den Reisenden noch bis zum Hafen, wo das Schiff nach Tunis bereits abfahrtbereit am Kai liegt. Die Zufahrt an Wagen ist nur gering, denn wer reist schon in solchen Zeiten nach Nordafrika, dies ist wenigstens die Erklärung des Kapitäns Ferrari für die schlechte Besetzung an Passagieren auf seiner „Giosuè Borsi“. Borsi, nach dem das Schiff genannt ist, war ein italienischer Schriftsteller; viel gelesen wurde er nicht, aber ein Schiff hat man nach ihm benannt. Und dieses Schiff verläßt nun mit für sizilianische Begriffe geradezu unwahrscheinlicher Pünktlichkeit den Hafen von Palermo. In rosa Abenddunst verblaßt langsam das Häusermeer der Stadt, aus dem wie ein Wahrzeichen der Dom von Palermo herausragt. In ihm hat der große Staufenkaiser Friedrich II. seine letzte Ruhe gefunden; er starb im Dezember 1250, was vor wenigen Wochen zum Anlaß in Sizilien wurde, die 700. Wiederkehr dieses bedeutsamen Todestages in würdiger Weise zu feiern. Die ungezählten Kränze, die an dem roten Porphyrsarg niedergelegt waren, wurden nach den Feierlichkeiten entfernt und nur ein einziger, riesiger Lorbeerkranz lag bis zuletzt am Sarkophag: auf einer Schleife stehen die wenigen Worte in Gold: „Federigo II. – Germania.“

Über dem tintenschwarzen Wasser liegt Friede. Nur fernes Hämmern dringt noch von der Marinewerft herüber; Tag und Nacht wird dort gearbeitet. Trotz strengster Absperrung ist es kein Geheimnis, daß U-Boote im Auftrag der Vereinigten Staaten von Nordamerika gebaut werden, und zwar, meistens von kommunistisch eingestellten Arbeitern, die angelockt von guten Löhnen, Togliatti und seine Reden vergessen zu haben scheinen!

Die letzten Zeichen Europas

Am Horizont verblaßt die Lichterreihe, die sich von Palermo bis nach Cefalù hinzieht. Langsam gleitet der Dampfer an der Bucht von Mondello vorbei, wo sich im Sommer die elegante Welt von Palermo am Strand zu treffen pflegt. Zwischen Leuchtbojen, die wie große, gelbe Seerosen auf dem Wasser liegen, zieht die „Giosuè Borsi“ westwärts durch die Nacht. Wenn der Januartag in Palermo warm war, so wird es jetzt auf dem Meere ein wenig kühl. Das an Deck tätige Schiffspersonal hat sich dementsprechend mit Sweatern und Westen – übereinander angezogen – ausstaffiert, ängstlich den Wollschal vor dem Munde, um ja nichts von der gefährlichen Nachtkühle einzuatmen. Etwas verwundert staunt die Besatzung den Nordländer an, der ohne Mantel an der Reling aushält. Die Silhouetten. der Ägatischen Inseln tauchen auf, dann die Lichter von Trapani und nach Mitternacht das Blinkfeuer von Pantelleria, jener Insel, die im letzten Weltkrieg eine bedeutende Rolle beim Rückzug der deutschen Truppen und bei der Landung der alliierten Streitkräfte in Sizilien gespielt hat.

Hinter dem Kielwasser des Schiffes verschwinden die letzten Feuerzeichen Europas. Ein Italiener, der sich seinen Pelz aus der Kabine geholt hat, steht neben mir und nimmt Abschied von seiner alten Heimat, denn er wandert nach Tunis aus. Wir sehen zurück; das Hämmern auf der Marinewerft wird leiser und der Italiener sagt: „Trotz Tag- und Nachtarbeit auf jener Werft, sind die Amerikaner mit uns Italienern nicht recht zufrieden. Sie behaupten, unsere hochqualifizierte Eisenindustrie schlafe noch ... Die Amerikaner vergessen, daß wir in halbverfallenen Hallen, mit angeschlagenen, abgenutzten Maschinen, ohne genügendes Rohmaterial und vor allem ohne Kohlen, nicht so schnell arbeiten können. Dennoch verstehen wir uns aber mit den Amerikanern besonders gut. Fast jeder von uns hat ausgewanderte Verwandte in Süd- oder Nordamerika, die während der schweren Jahre helfend eingesprungen sind.“