Am Vorabend der vielleicht letzten Außenministerkonferenz, auf der ohne uns über unser Schicksal entschieden werden soll, hat der letzte Außenminister der Großen Vier aus den Tagen von Potsdam demissioniert. In das Eckhaus Downingstreet/St. James Park ist ein neuer Hausherr eingezogen. Ernest Bevin hat in der vergangenen Woche an seinem 70. Geburtstag dem 63 jährigen Herbert Stanley Morrison das Feld geräumt. Morrison wird zugleich stellvertretender Ministerpräsident bleiben. Seine Funktion als „Führer des Unterhauses“ übernimmt Innenminister Chuter Ede, sein Amt als Lordpräsident des Kronrates der bisherige Lordsiegelbewahrer Viscount Addison. Bevin wird als neuer Lordsiegelbewahrer dem Kabinett weiter mit seinem Rat zur Verfügung stehen.

Bevins Rücktritt kommt nicht unerwartet. Seine Gesundheit ist erschüttert. Von einer schweren Grippe, die zu einer Lungenentzündung führte, konnte er sich kürzlich nur mühsam erholen. Seit drei Jahren leidet er an Asthma und Herzbeschwerden. In beiden Häusern des Parlaments wurde seine Demission gefordert. Diese Gestalt des „John Bull der Arbeiterklasse“, wie Churchill den einstigen Arbeitsminister seines Kriegskabinetts einmal nannte, ist heute von echter Tragik gezeichnet. Sein Name dürfte kaum in die Historie eingehen. Seine Amtszeit gab ihm wenig Gelegenheit, etwas anderes zu tun, als den außenpolitischen Niedergang der siegreichen englischen Weltmacht zu verwalten. Im Nahen Osten verlor unter ihm England die Freundschaft der Araber, ohne die palästinensischen Juden zu gewinnen. Der europäische Kontinent, insbesondere Deutschland, blieb ihm trotz aller Bemühungen stets ein Buch mit sieben Siegeln. Die Lösung des indischen Problems ist nicht mit seinem, sondern mit Attlees Namen verknüpft. Bevins größtes Verdienst schließlich, die Aufrechterhaltung der anglo-amerikanischen Freundschaft, scheint schon heute, in der Zeit von Marshall-Plan und Atlantikpakt zu selbstverständlich, als daß die Geschichte es bewahren wird. Als Labour im Jahre 1945 zur Macht kam, da hätte in dem beginnenden Konflikt der Großmächte ein sozialistisches England zwischen einer kapitalistischen Demokratie im Westen und einer sozialistischen Diktatur im Osten leicht in einen gefährlichen Neutralismus hineintreiben können, der für Europa vermutlich tödlich gewesen wäre. Bevin hat mitgeholfen, dies zu vermeiden. Der Dank wird vermutlich andere erreichen. Und wie im großen, so erging es ihm auch im kleinen. Seine wenig geschliffenen Unterhausaussprachen formten für die Öffentlichkeit sein Charakterbild; seine geistreich-gütigen Tischreden auf kleinen Banketts erreichten stets nur einen internen Kreis. Sein Ausspruch: „Ich kann schwer vergessen“, ist in Deutschland ein Begriff; seine Versuche hinter verschlossenen Konferenztüren jenen Alliierten Zugeständnisse für die Bundesrepublik abzuhandeln, die auf Grund ihrer vielversprechenden Erklärungen in Deutschland ungleich größere Sympathien genießen, blieben unbekannt –

Bevins Nachfolger, Morrison, bewegt sich trotz seines unverkennbaren Cockney-Akzentes auf dem politischen Parkett ungleich geschickter. Die konservative Opposition, an ihrer Spitze Churchill, bringt seiner Person, zwar gewiß nicht die gleiche Sympathie entgegen, wie der Bevins. Aber sie schätzt seine Toleranz (er lehnt den „Sozialismus um jeden Preis“ ab, und ist nie „im Prinzip“ für oder gegen etwas), und sie erkennt seinen Blick für das Wesentliche an (als er 1943, zwei Jahre vor Geburt der UNO, ob seiner Forderung nach einem Weltbund der Nationen als Utopist verspottet wurde, sagte er: „Alle künftigen Minister Englands müssen Utopisten sein“). Wie Bevin, so stammt auch Morrison aus kleinen Verhältnissen. War Bevin einst Hafenarbeiter, so begann Morrison, der Sohn eines Polizisten und eines Hausmädchens als Botenjunge. „Es kann sein“, meinte er einmal, „daß ich nicht zur Herrschaft geboren bin. Aber ich habe gelernt, mit ihr umzugehen.“ Und wie Bevin, so hat auch ihm die Arbeiterschaft zur Macht verholfen. Während sich sein Vorgänger im Foreign Office stets auf die volle Unterstützung der Gewerkschaften verlassen konnte, gilt Morrison als vollendeter Beherrscher des Parteiapparates. 1915 wurde er mit 400 Pfund Jahresgehalt der erste Labour- Partei-Sekretär in Groß-London – und damit der erste „berufsmäßige Sozialist“ in England. Seit jener Zeit hat er sich von seiner Partei immer weiter emportragen lassen.

Attlee, Morrison und Bevin haben seit Anbeginn das Schwergewicht im jetzigen Kabinett gebildet. Bevin blieb als erster auf der Strecke. Mit „großem Bedauern und großer Erleichterung“, wie die Times schrieb, hat England davon Kenntnis genommen. Mit Bedauern, weil Labour nicht viel von dem Holze zur Verfügung steht, aus dem englische Außenminister geschnitzt sein sollten. Mit Erleichterung, weil auch eine Regierung, deren Tage gezählt sind, besser einen versierten Innenpolitiker wie Morrison im Außenamt sitzen hat, als einen kranken Minister, der seine Gesundheit in der Arbeit für seine Nation ruinierte. Morrison wird vorerst nicht viel mehr sein können als eine „rechte Hand“ Attlees, der seit seinem Washingtoner Besuch die Fäden der Außenpolitik selbst in Händen hält. Aber er dürfte ein aufmerksamer Schüler sein. Denn er ist schließlich jener Mann, der einst in allen Londoner Elementarschulen die Inschrift anbringen ließ: „Der Lehrer kann sich irren. Denkt selber nach.“ C. J.