In Westberlin starb herzkrank und ohne Pension der „Altpensionär“ X., ehemaliger Staatsbeamter in der alten Reichshauptstadt. Er war als Fünfzigjähriger 1934 auf eigenen Wunsch in den Ruhestand getreten; er hatte Meinungsverschiedenheiten mit den neuen Machthabern gehabt. Im Zweiten Weltkrieg war er Soldat, wie er es im ersten Weltkrieg gewesen war. Er kam am Ende schwer krank zurück. Ohne Mittel und ohne Pension. Ein paarmal wollten ihn die Russen holen, weil er früher höherer Polizeibeamter war. Dennoch blieb er in Berlin. Ab Januar 1947 erhielt er eine sogenannte Pensionsrente. Sie betrug knapp über 100 DM. Nicht mehr als ein Fünftel von dem, was ihm zustand. Ab 1950 gab es noch 50 Mark Überbrückungshilfe dazu...

Daß er nicht länger mit Nazis hatte arbeiten wollen und daß er – nach dem Kriege – in Berlin geblieben war, das war sein Schaden. Denn im Westen bekamen seine Kollegen längst volle Pension. In Berlin aber verstärkte sich der Druck von innen und außen. Da er ja unter den Nationalsozialisten noch ein Jahr bei der Polizei geblieben war, mußte er sich entnazifizieren lassen. Allein aus diesem Grunde stand in seiner Kennkarte, lange Zeit schwarz auf weiß, er sei „Naziaktivist“ gewesen. Viel Ärger und Sorgen hatte er damit. Vielleicht hätte er nicht auf eigenen Wunsch ausscheiden, sondern auf den Hinauswurf warten sollen? Vielleicht hätte er dem NS-Staate widerspruchslos dienen und sich rechtzeitig – und zwar sofort nach Kriegsende – nach Westdeutschland absetzen sollen? Jedenfalls hätte er dann höhere Bezüge erhalten und lebte sicher noch.

Die politische und wirtschaftliche Situation der Stadt schaffte immer wieder neue Sorgen, und die alten wichen nicht. Unglücklicherweise war Herr X. Staatsbeamter und nicht Magistratsbeamter gewesen. Für die eigenen Pensionäre kam nämlich die Stadt besser auf. Volle Pensionen erhielten jedoch auch hier nur die Nachkriegspensionierten. Den pensionierten Staatsbeamten aber konnte die Stadt nicht helfen. Es waren zu viele, und sie kamen aus allen Landesteilen Deutschlands. Der Burd aber überließ sie der Fürsorge Berlins, indessen seine Länder den verabschiedeten Beamten in Westdeutschland, soweit sie Altpensionäre und wohnungsberechtigt wären, die Bezüge auszahlten. Ganz gleich, ob sie es bei den Nazis ausgehalten hatten oder nicht. Wäre Herr X. aber nach dem Kriege Beamter im Berliner Magistratsdienst gewesen – und sei es nur für ein paar Monate –, so hätte er auch in Berlin seine volle Pension erhaben, und seine Witwe hätte heute eine Unterstützung. Zwar liegen Pläne zur Regelung der Ansprüche in Bonn vor, Gesetzes vorlagen auch. Aber sie werden von Jahr zu Jahr vertagt. Nun stehen sie schon fünf Jahre aus. Von Nachzahlungen und voller Pension ist sowieso keine Rede. Der alte Herr X. ist inzwischen seinen Leiden und Sorgen erlegen. Er hatte ja auch keine Mittel, für seine Gesundheit zu sorgen... Bst.