Sehnsucht und Verhängnis

Der Mensch trägt sein Schicksal in sich; er entflieht ihm nicht.“ Die Handlung von Fritz Heikes groß gedachtem Roman „Der Sumpf – reiher“ (bei Franz Schneekluth in Celle, 515 S.) ist als Beweis für diesen Satz konstruiert. Ein junger Mensch aus dem Spreewald, der aus enttäuschter Liebe zum Mörder geworden ist, hat als Legionär in Insulinde seine Persönlichkeit mit einem Kameraden getauscht, dem ein Übermaß von Liebe zuströmt. Als er aber mit Namen und Papieren des anderen nach zwanzig Jahren (1913) an den Ort seiner Jugend zurückkehrt, widerfährt ihm Ähnliches: Scheu und Mißtrauen trennen ihn von dem geliebten Mädchen, und sein unerlöstes Schuldbewußtsein treibt ihn in ein verzweifeltes Ende. Dieser strebsame, gutartige, auf seine Art auch tapfere Bursche erlebt und erleidet zwangsläufig, was über ihn verhängt ist. Liebe bleibt für ihn unerfüllte Sehnsucht. Dieser fatalistische Grundton gibt der reich und bunt ersonnenen Fabel etwas Gedrechseltes. Der Autor versetzt sich fast an die Stelle der Parzen und nimmt mit Bedacht seinen Personen den Raum zu eigener freier Entfaltung. So will auch das Titelsymbol verstanden werden: der Sumpfreiher muß aus seinem Horst in den Lüften immer wieder hinab – in das Moor, um sich Nahrung zu holen. Das Leben in dem kleinen wendischen Ort kreist um die notdürftigsten Dinge. Die Menschen sind in ihren Trieben befangen und spüren keinen Hauch großer Gefühle. Der Erzähler zeichnet diese verlassene Welt mit großer Umsicht – aber auch so, daß man bisweilen fürchtet, ihm selber gebräche es an der natürlichen Kraft dichterischer Anschauung. J. H.

Ikarische Gefährdung

Zu zwei neuen Büchern von Stefan Andres Von Franz Theodor Csokor

Die Bedeutung des Dichters Stefan Andres liegt im Epischen, und nun macht der ozeanisch besessene Mittelmeermensch einen Ausflug ins Lyrische („Der Granatapfel, Oden, Gedichte, Sonette“, R. Piper Verlag, München, 130 S.), und da verstreut er sich wirklich, jener am Herbst berstenden Frucht ähnelnd, die seiner Sammlung den Namen lieh, einer Frucht, der ihre Kerne aus der „freudigen Ordnung“ ins Grenzenlose entfallen. Immer aber streben die im All verlorenen Kerne wieder Zusammen, wie im platonischen Gleichnis des „Gastmahls“ die Ringhälfte in jedem Menschen die ihr entsprechende sucht. Hier wird hoher Rang, doch auch, ikarische Gefährdung eines von sich überschwemmten Poeten merkbar. Stefan Andres läßt sich von der Sprache tragen, die ihm entsprudelt, manchmal auch über das darin versinkende Bild weg; Gleichnisse wechseln, bis ihn ein bannendes Wort wieder einfängt, das sie zurechtrückt. Zwingt ihn strenge Form, so in dem Sonettenreigen „Requiem für ein Kind“, dann klingt die Klage, dann leuchtet das Weh. Auch der verpflichtende Vers steigert seine Ausdruckskraft. „So seh ich dich“, ein Gedicht an einen jungen kriegsgefangenen Deutschen, gewinnt dadurch den Wert gewichtiger Mahnung. Bei den freien Oden aber müßte er die innere sparsame Wachsamkeit verdoppeln nach einer geheimnisvollen Forderung, die kein Gesetz erklärt. Bei Lernet-Holenia erscheint das manches Mal vollendet, auch bei einzelnen odischen Aufschwüngen Weinhebers. Freilich, wo es Andres’ lyrischem Crescendo glückt, in der Einheit der Vision (wobei sein Rausch wie der des Weines qualvoll klar bleibt) zu verharren, da gelingen ihm große Gestaltungen (die Oden „Aufbruch“, „Baum der Schmerzen“, „Die Gorgonen“, „Meer der Mitte“ zählen dazu). Was ihm mangelt, ist die scheinbar bewußtlose musikalische Hingabe an das Wort, wie etwa in Mörikes „Du bist Orplid mein Land...“ oder die geistige Glut der wenigen Gedichte eines deutschen Mediterranäers wie Andres, Friedrich Nietzsches „... goldener Tropfen quolls...“, der, „dem Rauche gleich, der stets die kälteren Himmel sucht“, ins Unvergängliche und Unvergeßliche aufsteigt.

Die vulkanische Begabung des Dichters Stefan Andres stößt immer noch mit steigender Heftigkeit Glut aus, sie hat in „Wir sind Utopia“ eine der besten Novellen der neueren Literatur vollendet, sie rechtfertigt die oft angezweifelte Notwendigkeit der Romanform in „Ritter der Gerechtigkeit“, und sie beginnt mit dem ersten Band der Dichtung „Sintflut“, „Das Tier aus der Tiefe“, ein episches Riesengleichnis der Apokalypse unserer Zeit. Finden die flatternden, zuckenden Flammen, die hier aus seinen Gedichten brechen, wieder in die Hülle, wie jene des Granatapfels, darin „die freudige Ordnung“ herrschte, so werden sie zu stillem weitreichendem Leuchten gezügelt, wegweisend durch die Brandung unserer Tage.

Stefan Andres scheint selbst zu fühlen, welche schwellenden Früchte Gebundenheit trägt. Das beweist die zwischen Capri und Positano sich bewegende zarte und von allen halkyonischen Himmeln überblaute Liebesgeschichte „Das goldene Gitter“, die der Verlag C. Bertelsmann in Gütersloh veröffentlichte. Diese in einem schmalen schönen Band gefaßte Erzählung einer Liebe ohne erfüllende Erlösung, aber von einer heidnischen Götterwelt in christlichen Heiligen-Vermummungen umwittert, steht im warmen Schatten des Hauptmannschen „Ketzers von Schatten Der große Pan lächelt wehmütig aus den Zeilen einer Legende von dem Heiligen der Fruchtbarkeit Sankt Agnello, und beim Lesen vermeint man bisweilen die Syringe zu hören, auf der der Gott um die Nymphe Syrinx trauert, aus deren Verwandlung er sich sein Instrument schnitzte, das aus dem Entsagenmüssen geformte Flötenrohr. Die unvergeßliche Landschaft, darin die Erzählung sich begibt, bringt das Buch in aller ihrer brünstigen Gefahr, und es endet in dem gestillten Frieden dessen, der vor dem goldenen Gitter des Heiligen die im Gewitter losgebrochenen Dämonen seines Inneren in Ketten schlagen konnte. Die Bändigung, die Andres im Gedichte sucht, sie glückt ihm hier in seiner südlichen Chronik, die unter den Sternen Boccaccios beginnt und sich im süßen Einklang mit der trächtigen Natur, die sich entlud, zur Morgenröte läutert.