Die städtischen Büchereien und Leihbibliotheken der Sowjetzone werden immer öfter von FDJ-Funktionären und linientreuen Kommunisten durchgekämmt, damit alle Bücher, die auf irgendeine Weise dem Regime mißfallen, in die Papierfabriken wandern können. Die Bewohner der Sowjetzone dagegen versuchen durch die Entleihung oder den Kauf von unpolitischen Büchern noch so viel wie möglich geistige Werte – und seien sie auch noch so „leicht“ – aufzunehmen.

Dieses störrische Verhalten hat die SED-Funktionäre im Dresdner Stadtverordnetenkollegium zu einem Vorstoß veranlaßt. Der Stadtverordnete Pieper (SED) sprach von den verderblichen Einflüssen der privaten Leihbüchereien auf die Bevölkerung. Er sagte, die Gesamtausleihziffer der privaten Leihbüchereien sei dreimal so hoch wie die der städtischen und staatlichen Bibliotheken. Das käme offenbar daher, daß in diesen privaten Leihbüchereien die Ausmerzung des „verderblichen Schrifttums“ noch nicht vollkommen durchgeführt worden sei: „Bücher, die von den wichtigen politischen, sozialen und kulturellen Aufgaben unserer Zeit ablenken, die die Köpfe der Leser einnebeln mit weltfremdem, verlogenem und unrealistischem Gedankenschwulst, hemmen die Entwicklung unseres gesellschaftlichen Lebens.“

Die Sowjetunion, die das Vorbild für alle Maßnahmen der SED in Mitteldeutschland ist, kennt seit Jahrzehnten keine privaten Leihbibliotheken mehr. Dort ist es unmöglich, für einige Groschen sich ein Buch auszuleihen, das „von den wichtigen Aufgaben der Zeit ablenkt“. Ablenkung ist ebenso gefährlich für die Funktionäre wie Opposition, ja, sie ist eine Art der Opposition.

Es soll also endlich, so verlangen die Kulturfunktionäre der SED, das „Unwesen der privaten Leihbibliotheken ausgeschaltet werden. Dies kann nur durch Enteignung geschehen. Vorläufig ist man jedoch noch nicht in der Lage, die dann leer werdenden Regale in den Leihbüchereien mit linientreuer Literatur zu füllen. Die volkseigenen Druckereien müssen noch immer als Reparationsaufträge russische Bücher herstellen, und das hindert die SED-Funktionäre an einer Massenproduktion von J. R. Becher und Arnold Zweig und anderer getreuer Literaten des Kreml in Deutschland. C. W.