Erzählung von Lu Hsün

Lu Hsün, 1936 gestorben, ist der Begründer der modernen chinesischen Literatur. Als er 1930 nach China zum erstenmal Holzschnitte und Lithos der Käthe Kollwitz brachte, regte er damit eine Renaissance der chinesischen Holzschneidekunst an.

Der Frühling in Peking hat für mich etwas Überraschendes und Schwermütiges, weil – während noch Schnee den Boden bedeckt und das Flechtwerk der schwarzen entlaubten Äste den Himmel zerreißt – schon ein paar Drachen hoch über der Stadt dahinschweben.

In meiner Heimat lassen wir Drachen erst im zweiten Frühlingsmonat steigen. Wenn du das Knattern der Windräder hörst und den Kopf hebst, kannst du immer auch einen grauen Krebsdrachen oder einen blauen Tausendfüßlerdrachen über dir dahintreiben sehen. Es gibt auch lautlose, ziegelförmige Drachen ohne Windräder; sie fliegen niedrig und sehen verlassen und wie in Not aus. Aber um diese Zeit hängen an den Weiden schon die jungen Palmkätzchen: sie passen zu dem Schmuck, den die Kinder an den Himmel hängen, und alle zusammen sind Träger der warmen Botschaft des Frühlings. Hier aber, wo ich jetzt weile, herrscht ringsum strenger Winter, und doch atmen an diesem Himmel der vergangene Frühling meiner Jugend und meine alte Heimatstadt.

Ich mochte Drachen nicht, ich verabscheute sie sogar. Meiner Ansicht nach waren sie Spielzeug für Kinder, das zu nichts taugte.

Ganz im Gegensatz zu mir liebte mein jüngerer Bruder, der damals etwa zehn Jahre alt war, immerfort kränkelte und entsetzlich mager war, Drachen so sehr, daß er halbe Tage lang mit offenem Munde dazustehen und zum Himmel emporzustarren pflegte. Das mochte auch daran liegen, daß er sich keinen Drachen kaufen konnte und mit mir nicht spielen durfte. Er war imstande aufzuschreien, wenn irgendwo in der Ferne ein Krebsdrachen jäh herabsank, oder vor Freude zu hüpfen, wenn ein paar Ziegeldrachen hochstiegen. Ich hielt ihn für einen Schwachkopf.

Eines Tages fiel mir plötzlich auf, daß ich den Jungen seit einiger Zeit nur selten zu Gesicht bekam, und dann fiel mir ein, daß ich ihn zuletzt im Küchengarten beim Einsammeln verfaulender Bambusrohre überrascht hatte. Irgend, etwas ging da vor, kam es mir in den Sinn, und ich lief zur verlassenen Rumpelkammer hin. Ich stieß die Türe auf und fand ihn dort inmitten eines Berges von verstaubten alten Möbeln. Er saß auf einem kleinen Schemel und hatte einen etwas größeren vor sich. Von meinem Eintreten überrascht, stand er bleich und zitternd auf. Vor ihm, an den größeren Schemel gelehnt, stand das noch nicht zusammengeklebte Gerippe eines Schmetterlingdrachens. Ein paar Windräder, mit rotem Papier beklebt, die dem Drachen als Augen dienen sollten, lagen, beinahe fertig, auf dem Schemel. Höchst zufrieden mit meiner Entdeckung des armen kleinen Knirpses, nahm ich es gleichzeitig übel, daß er heimlich und hinter meinem Rücken am Werke war. Und alle diese mühevolle Arbeit an ein wertloses Kinderspielzeug vergeudet! Ich packte den Drachen und zerbrach dabei einen der Flügel, dann warf ich die Windräder auf den Boden und zerstampfte sie, mit den Füßen. Ich war an Jahren und Stärke älter, also fiel der Sieg mir zu. Stolz zog ich ab und ließ ihn dort mit gebrochenem Herzen stehen. Was weiter geschah, weiß ich nicht, und ich scherte mich nicht darum.