Anfang April 1945: Über die Straßen Europas ziehen Flüchtlinge – Frauen, Greise und Kinder. Zwei Jungen marschieren über verstaubte Wege irgendwo in Ungarn: die Eltern des einen sind von Bomben getötet, der andere verlor Vater und Mutter, als feindliche Truppen sein Dorf überrollten. Sie sind zwölf, vielleicht auch schon vierzehn Jahre alt; an einer Straßenkreuzung steht ein anderes Kind: ein fünfjähriges Mädchen, das ein Stück neben den beiden herläuft, weil sie ihr die Zigarette abgenommen haben. Die rauchen sie dann zu dritt, und das Mädchen bleibt bei ihnen. Es kommen noch viele Straßenkreuzungen, und an manchen stehen noch andere Kinder. Ein Judenjunge schließt sich an, der den Gaskammern entronnen ist; es kommt ein 15 jähriges Mädchen, das die Wünsche eines Siegers erfüllte, weil es glaubte, damit die Eltern zu retten (und als er es um den Preis betrog, erschoß es den Sieger). Sie werden zehn, zwanzig Jungen und Mädchen durcheinander. Einer wird der Anführer zum Stehlen. Plündern, Rauben.

Verwahrloste Jugend? – Ja und nein: noch nie war eine Jugend so wenig verwahrlost wie diese, wenn man unter Verwahrlosung das Vorherrschen asozialer Triebe versteht. Denn diese Jungen und Mädchen leben Tag für Tag in ihrer Gemeinschaft mit einem Sozialismus dem Herzen, wie ihn kein Theoretiker predigen könnte. Verwahrlost aber – und zwar auch Wie kaum eine Jugend zuvor – sind sie, wenn man sich an die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes hält: niemand verwahrt und beschützt sie mehr – sie sind allein.

Der ungarische Filmregisseur Gregory Varsany hat 1946 diesen Film gedreht und ihn „Irgendwo in Europa“ genannt. Es ist ein Film der Jugend, von einem Jungen gemacht, wiewohl Varsany ein Erwachsener ist. Und Erwachsene diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs haben ihn 1946 und 1947 preisgekrönt: in Venedig, Prag und Budapest. Das war vor vier Jahren: damals, als man noch glaubte, daß die Welt sich ändern müsse nach all dem, was geschehen war.

Was war denn geschehen? Oder vielmehr: was war denn mit dieser Jugend geschehen, die über die Straßen Europas zog? Diese Jungen und Mädchen waren vorher in der Hitler-Jugend, bei den Komsomolzen, in der faschistischen Jugendorganisation Italiens oder sonst irgendwo organisiert, wo sie marschieren, singen, kämpfen und sterben lernten. Dies, so meinen noch heute vielfach Erwachsene, sei das einzige, was sie dort gelernt hätten. Sie haben dort aber – und dafür ist der Film Varsanys eine Bestätigung – auch noch anderes gelernt: das Zusammenhalten, das Aufopfern für eine Idee und für die anderen und eine gewisse Gleichgültigkeit gegen ihr individuelles persönliches Leben. Deshalb ist es nicht nur eine kindliche Grausamkeit, wenn in diesem Film ein kleiner Schwarzhaariger auf den gefesselten erwachsenen Ruinenwächter, den sie überfallen haben, deutet und sagt: „Ach Kinderchen, bitte laßt uns ihn aufhängen“ (und allen Fürsorgern zum Trotz: es ist erst recht keine kriminelle Verwahrlosung, ja selbst mit dem Wundermittel der Psychoanalyse ist da nur wenig herauszubekommen). Es drückt sich vielmehr darin eine Mißachtung des einzelnen Lebens aus, das man ruhig töten kann, wenn es der Gemeinschaft auch nur ein Vergnügen bereitet.

Varsanys Film bietet keine Lösung, denn den zwanzig Kindern dieses Films ist nicht damit geholfen, daß ihnen ein gütiger Erwachsener die Ruine schenkt, in der sie hausen. Aber der Film zeigt, wo man die Lösung suchen müßte: es gilt das neue Lebensgefühl für die Gemeinschaft zu stärken und gleichsam aus dem moralischen Nichts der nackten Zweckmäßigkeit (denn es entstand ja dadurch, daß es eben leichter war, zu mehreren zu rauben, zu stehlen und sich durchzuschlagen, als allein) in die Ebene einer ethischen Verbindlichkeit – der alltäglichen Nächstenliebe oder der selbstverständlichen Kameradschaft – zu übersetzen. Denn keine Jugend kann das eigene Ich so gut vergessen wie diese...

Freilich: solange die Erwachsenen noch an Erziehungsproblemen von vorgestern herumlaborieren, besteht wenig Hoffnung. „Morgen ist es zu spät“ heißt ein italienischer Film des Regisseurs Leonide Moguiy, und auch dieser Film wurde auf der Biennale ausgezeichnet. Nun haben – zugegeben – solange es Väter gibt, diese Bedauernswerten sich stets zu einer gewissen Zeit den Kopf darüber zerbrochen, wie man es den Kindern am besten beibringe, daß die Babys nicht vom Klapperstorch gebracht werden. Aber ebenso sicher ist auch, daß die meisten Kinder sich schon anderweitig informiert hatten, bevor der Vater aufklärte, und sicher ist auch, daß an diesen Informationen die Kinder in der Regel weder körperlich noch seelisch zugrunde gegangen sind. Man kann sich doch oft des Eindrucks nicht erwehren, daß die Erwachsenen zwar ungern ihren Kindern vernünftige Worte sagen, aber daß sie desto lieber unter sich darüber sprechen, was sie denn eigentlich sagen sollten. In diesem Film nun soll’s den Kindern direkt gesagt werden: das geschieht mit einer gemachten Frische und einem nicht ganz sicheren ‚Seht doch ein – es ist doch nichts dabei‘ (aber um Himmels willen, es ist doch was dabei!).

Beklemmend aber wurde der Unterschied, dachte man angesichts dieses Streifens an den Film, den der Regisseur Kurt Mätzig bei der sowjetisch kontrollierten Defa über das Pfingsttreffen der kommunistischen Freien Deutschen Jugend zu Berlin 1950 gedreht hatte. Dieser Film hieß „Seid bereit“, und schon das Losungswort zeigt, daß die rote Propaganda vom Grundgefühl der Jugend leider mehr versteht als die Klapperstorchaufklärer aus Italien. In der Bundesrepublik wurde dieser Film nur vereinzelt und vor geladenen Gästen gezeigt. Die geladenen Gäste waren Erwachsene, und einige von ihnen lachten, obwohl es in diesem Film absolut nichts zu lachen gab. Paul Hühnerfeld