Weit mehr als die täglichen Angriffe der „Prawda“ auf die Wallstreet-Kriegstreiber hat die amerikanische Öffentlichkeit ein Artikel in der letzten Ausgabe der sowjetischen Kunstzeitschrift erregt, worin behauptet wird, daß Raffaels „Madonna aus dem Hause Alba“ immer noch in der Ermitage in Leningrad hängt. Die „Vox“, das offizielle Organ der sowjetischen Gesellschaft für kulturelle Beziehungen, veröffentlichte neben dem Bericht eine ganzseitige Reproduktion.

Daß die Aufregung darüber groß ist, versteht man, wenn man erfährt, daß der frühere amerikanische Finanzminister Andrew W. Mellon dieses Gemälde im Jahre 1931 von der Sowjetregierung für 1 166 400 Dollar, den höchsten jemals bekanntgewordenen Preis eines einzelnen Kunstwerkes, gekauft und später der National Gallery of Art in Washington geschenkt hat, wo es auch heute ausgestellt ist. Diese Raffael-Madonna ist eines von fünfzehn Bildern, die Mellon damals durch Vermittlung der Firma Knödler & Co. für insgesamt 6 654 000 Dollar erwarb. Darunter befanden sich noch Raffaels „St. Georg und der Drachen“ (745 000 Dollar). Tizians „Toilette der Venus“ (544 000 Dollar), van Eycks „Verkündigung“ (503 000 Dollar) und „Die Heiligen Drei Könige“ von Botticelli (838 000 Dollar).

Amerikanische Kunstkreise fragen sich jetzt, was die Sowjets veranlaßt haben könnte, einen solchen Bericht zu veröffentlichen. Die Echtheit der Madonna aus dem Hause Alba, die in Washington hängt, wird von den amerikanischen Sachverständigen als unbezweifelbar angesehen. Der Direktor der National Gallery in Washington erklärte, als man ihn darüber befragte: „Das Original der Raffael-Madonna hängt hier in unserer Galerie, wenn es nicht während des Telefongesprächs gestohlen worden ist, das ich eben führe!“

Man nimmt daher an, daß die Sowjetregierung eine Kopie ausgestellt hat, die der Artikelschreiber der „Vox“ irrtümlich für echt gehalten hat, oder daß es sich um ein Manöver zur Irreführung der sowjetischen Öffentlichkeit handelt. Dafür spricht, daß der Verkauf der Bilder im Jahre 1931 vollkommen geheimnisvoll vor sich ging. Die „New York Times“ hatten 1930 und 1931 mehrmals über das Verschwinden der Bilder aus der Ermitage berichtet, waren jedoch jedesmal von den Sowjets dementiert worden. In Paris hatte ein Sowjetsprecher, auf eine Frage nach van Eycks „Verkündigung“, wörtlich geantwortet: „Der Verkauf von unschätzbaren Kunstwerken, in deren Besitz die Sowjets ihren Stolz setzen, würde das Eingeständnis einer moralischen wie finanziellen Schwäche sein, an der die Sowjetunion keineswegs leidet ...“

Diese Dementis wurden aber Lügen gestraft, als 1934 fünf der in Leningrad gekauften Bilder in einem Steuerrekursverfahren eine Rolle spielten, in dem der ehemalige Finanzminister Mellon sich gegen eine Nachbesteuerung zur Wehr setzte. Immerhin hat die sowjetische Öffentlichkeit niemals etwas von den Verkäufen erfahren; es mag daher jetzt ein Anlaß bestanden haben, ihr abermals vorzutäuschen, daß die verkauften Bilder noch in Sowjetbesitz sind.

Die „Madonna aus dem Hause Alba“ ist 1510 gemalt und hing erst in einer Neapolitaner Kirche. Später wurde sie vom spanischen Vizekönig nach Spanien gebracht und gelangte in den Besitz des Herzogs von Alba, wovon sie ihren kunstgeschichtlichen Namen hat. Ein englischer Bankier erwarb sie und verkaufte sie weiter an die Ermitage in Petersburg, von wo sie schließlich (wenn sich die Experten nicht täuschen) ihren Weg nach Washington fand, als die Sowjetunion Geld brauchte.

Vielleicht bedauert man in Moskau heute, da man Macht und Geld genug hat, den Verkauf von 1931, obwohl die Sixtinische Madonna, die 1945 in Dresden so billig „erworben“ wurde, ein Trost sein könnte ... A.