Von Paul Ellmar

Am 16. Februar verschied in Paris einer der wichtigsten Dramatiker Frankreichs, einer von denen, die dem französischen Theater zwischen den beiden Weltkriegen Gestalt und Inhalt gaben und nicht nur das Pariser Theater- – leben, sondern das der gesamten Welt wesentlich beeinflußten: Henri-René Lenormand. Eben von einer erfolgreichen Vortragsreise aus Amerika zurückgekehrt, wurde er plötzlich kränklich und hat sein gepflegtes Heim an der Place Victor Hugo nicht mehr verlassen. Mit ihm war nur noch seine unermüdlich geduldige Gattin, Marie Kalff, die Schauspielerin, die Holländerin, die Freundin Maeterlincks und Claudels.

Lenormand hat in der Geschichte des Pariser Theaters seinen eigenen Platz als „Dramatiker des Unbewußten oder Unterbewußten“. Er brachte als erster in Frankreich die Psychoanalyse auf die Bühne, das Spiel der Komplexe, noch vor dem Erscheinen Pirandellos. Ein bitterer Pessimismus beherrscht seine dramatische Welt noch vor Anouilh und dessen Generation, deren Wegbereiter er wurde.

Er war der einzige Sohn eines Musikers und debütierte als Englisch-Lehrer. Aber seine drängende Neugier führte ihn früh hinaus in die Welt. Nordafrika wurde das große Erlebnis. Sein Sand, seine Wüste, seine Einsamkeit, sein weiter Horizont, seine brütende Hitze und seine Stürme formten das Bewußtsein und seine Beziehung zur Welt im entscheidenden Augenblick.

1902 erlebte das erste dramatische Werk des Zwanzigjährigen die Uraufführung: „La Folie Blanche“ (Der Weiße Wahn), im „Grand Guignol“, im Theater des Grauens, ein Stück des Grauens. Aber in der besten literarischen Tradition: in der Edgar Allan Poes.

Vierzig Theaterstücke schrieb Lenormand in den Jahren, die nun folgten. Fast alle bringen sie etwas von dieser Mystik des Grauens, vom Kampf des Individuums gegen die Angst, etwas vom übersteigerten, pathologischen Sonderfall. Sie behandeln den Zwiespalt der Persönlichkeit, ihre verhängnisvolle Verstrickung in die „Kette des Bösen“.

Lenormands Theater war das Theater der bedrückenden Atmosphäre, mit den Stimmungen Tschechows, die großen Einfluß auf ihn übten, aber destilliert durch die exotische Hitze Afrikas, geschaut und geschildert in der ernsten Präzision französischen Denkens und geschrieben im kristallklaren Fluß eines sauber pointierenden Stils.