Es gibt wohl keine Gestalt der neueren Kulturgeschichte, die eine solche Flut von Schriften pro und contra entfesselt hätte wie Richard Wagner. Auch heute, da seine jahrzehntelang unerschütterlich scheinende Allmacht gebrochen ist und die Entwicklung der Musik sich seinem Geiste und Stil vollkommen entgegengewandt hat, ist seine künstlerische und menschliche Erscheinung dennoch das unerschöpfliche Thema immer neuer literarischer Publikationen. Die weitaus interessanteste davon – im Jahre der Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele gesteigerter Resonanz gewiß – ist das Buch „Richard Wagner als Verlagsgefährte“ von Ludwig Strecker (Verlag B. Schott’s Söhne, Mainz, mit zahlreichen Bildern, Tafeln und Tabellen; Leinen 16,80 DM). Sein Vater, Ludwig Strecker der Ältere, war dem Meister noch persönlich befreundet; er hatte die Firma übernommen als Nachfolger Franz Schotts, des ersten Verlegers, der – von den „Meistersingern“ an – völlig vorbehaltlos für das Schaffen Wagners eintrat. So stand dem Verfasser des Buches also ein reiches Archivmaterial zur Verfügung, von dem er so gründlichen und geschickten Gebrauch machte, daß eine vollständige Biographie in Briefen und Dokumenten daraus entstand.

Der Gesamteindruck, den der Leser aus diesen unanfechtbaren Belegen Wagnerscher Auffassung von unerläßlichen Bedingungen schöpferischer Arbeit, von berechtigten Lebensansprüchen, von Vertragstreue, gegebenen Worten, Versprechungen und Bindungen empfängt, ist wenig erhebend. Man kann nur die Großzügigkeit und Langmut eines Verlagshauses bewundern, das – nicht weniger als der andere unermüdliche Helfer König Ludwig – über so viel menschliche Unsicherheit hinweg um der Sache willen zu ständigen Opfern bereit blieb. Das ist nur aus dem felsenfesten Glauben an die künftige Rentabilität solcher Opfer erklärlich. Insofern war es ja auch kein Rechenfehler. Die andere Frage indessen, die sich auch bei dieser Lektüre wieder aufdrängt, ist die, ob es nicht einen tiefen Zusammenhang geben muß zwischen den Charaktereigenschaften des Menschen und denen seines Werkes. Die krasse Trennung zwischen Persönlichkeit und Werk, die ein Dogma der Romantik war, gilt schon lange nicht mehr. Und nicht wenige Künstler und Kunstfreunde haben von jeher etwas von „Unsolidität“ an Wagners Kunst empfunden. Auch Ludwig Strecker kann nicht umhin, am Schluß seines aufschlußreichen Buches sehr hörbar Distanz zu betonen. A-th