I. Gespräch mit Abd-el-Krim und ein Reisebericht aus Tunis

Die Wirren in Marokko, die kürzlich zu der Entlassung des scherifischen Kabinetts führten, haben ein starkes Echo überall in der Welt gefunden, vor allem unter den arabischen Völkern. Der ägyptische Außenminister bat in dezidierter Weise den französischen Botschafter Couve de Murville um seinen Besuch. Der Botschafter kam dieser Aufforderung nicht nach. Acht Tage später bat er seinerseits um eine Unterredung mit dem ägyptischen Ministerpräsidenten. Sie wurde ihm nicht gewährt. Vertreter der Arabischen Liga sind nach Kairo einberufen worden, um die marokkanische Frage zu besprechen. In Jordanien und dem Libanon demonstrierten arabische Studenten gegen Frankreich. In dieser Situation gab der ehemalige Führer der Rif-Kabylen, Emil Abdel-Krim, unserem Mitarbeiter Peter Fuchs ein Interview. Abd-el-Krim, der vor 24 Jahren nur durch die vereinten Truppen Frankreichs und Spaniens besiegt werden konnte, ist heute der Führer der arabischen Nationalisten in ihrem Kampf um Unabhängigkeit und Freiheit Seine Botschaft an Deutschland, die wir gleichzeitig veröffentlichen, ist von einer bestrickenden Wärme des Gefühls, und wird bei uns zweifellos ein starkes Echo finden. Wir leiten mit diesem Interview eine Reisebeschreibung von Joachim von Kürenberg ein, der kürzlich Französisch-Nordafrika besucht hat. Der Autor versucht in seiner Schilderung auch dem französischen Standpunkt gerecht zu werden.

Für Freiheit und Unabhängigkeit

Kairo im März

Koubba Gardens ist einer der elegantesten Vororte im Norden Kairos. Hier ist von dem verwirrenden Verkehr der Zweieinhalbmillionen-Stadt mit seinem unaufhörlichen ohrenbetäubenden Hupenkonzert zahlloser Automobile kaum etwas zu merken. Nicht umsonst hat Ägyptens König Faruk I. gerade hier sein Palais. Zwischen schattigen Eukalyptusbäumen und Palmen liegen die modernen Villen vieler Mitglieder der Gesellschaft und reicher Geschäftsleute der Metropole am Nil.

Hier befindet sich seit drei Jahren der Sitz des Emirs Abd-el-Krim, des greisen Nationalistenführers Nordafrikas. Wenig beachtet von der Öffentlichkeit lebt er scheinbar völlig zurückgezogen. Fast ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit sein Name jahrelang immer wieder in den Schlagzeilen aller Zeitungen der Welt erschien. Damals hatte der marokkanische Führer durch seinen erbitterten Kampf gegen spanische und französische Kolonialtruppen im sogenannten Rif-Krieg von sich reden gemacht.

Shari Kasim Bey Amin Nr. 5 unterscheidet sich kaum von den übrigen Grundstücken der Umgebung. Eine dichte hohe Hecke schließt das gelbe Backsteinhaus im maurischen Stil mit seinen großen Balkonen und Terrassen von der Umwelt ab. Auch das kleine Schilderhaus mit einem eingeborenen Polizisten in schwarzer Uniform und rotem Fez und ein Beamter in Zivil erregen niemandes Neugier, denn hierzulande werden die Wohnsitze vieler Minister, hoher Regierungsbeamter und anderer Persönlichkeiten ständig bewacht.