Ein deutscher Verleger hat unfreundliche Briefe aus dem Ausland bekommen. Genauer gesagt: auf dem Schreibtisch des Hamburger Verlegers Claassen lagen vor kurzem Mitteilungen und Karten aus der Schweiz und Frankreich, aus deren Inhalt hervorging, daß literarische Zeitschriften dieser beiden Länder, denen der Verlag Claassen Besprechungsexemplare geschickt hatte, keinen Wert darauf legten, diese Bücher zu besprechen. Das lag nun nicht daran, daß die Werke des Claassen-Verlages kein literarisches Niveau gehabt hätten (eins von den abgelehnten Büchern war zum Beispiel Melvilles „Moby Dick“); vielmehr hatte ein Stempel auf der Innenseite des Buchumschlages oder bei einigen anderen Büchern auch auf den ersten Textseiten den Unwillen – nein, den Zorn – der Schweizer Buchkritiker wachgerufen. „Lese- oder Freiexemplar“ stand auf diesem Stempel, und in einem Brief aus der Schweiz heißt es dazu: „Ihr Werk weist einen Stempel ‚Leseexemplar‘ auf. Wir möchten den Wunsch ausdrücken, daß sie eine solche Praxis in Zukunft unterlassen. Jedenfalls verzichtet unsere Redaktion darauf, mit solchen Stempeln versehene Bucherscheinungen zu besprechen.“ Und auf einer anderen Karte, ebenfalls aus der Schweiz, heißt es: „... leider trägt das Buch den Vermerk ,Leseexemplar‘. Ein derartiger Vermerk ist hierzulande nicht üblich, und ich bringe grundsätzlich keine Besprechung von Büchern, die dermaßen gebrandmarkt sind ...“

Der Grund des Stempels in den Büchern des Verlages Claassen (und auch in denen anderer Hamburger Verlage, die ihre Werke zu Besprechungszwecken ins Ausland schicken) ist aber nicht der Verleger, sondern der deutsche Zoll. Es gibt eine Anweisung der Jeia, nach der die Zollstellen Waren als Muster, Werbematerial und Proben (dies alles trifft auf Buchbesprechungsexemplare ja zu) nur die deutschen Grenzen ohne Ausfuhrgenehmigung passieren lassen dürfen, wenn sie vorher „handelswertlos“ gemacht – will sagen: mit irgendeinem Zeichen so versehen werden, daß man sie nicht weiterverkaufen kann und die Bundesrepublik nicht um kostbare Devisen betrogen wird.

Das ist eine vernünftige Bestimmung, und keiner wird sich ihr verschließen. Aber sie ist natürlich nicht vollkommen. In diesem Fall zum Beispiel wird durch sie das genaue Gegenteil von dem erreicht, was eigentlich erreicht werden soll: die Bundesrepublik wird dadurch, daß sie die Verleger zwingt, jene ärgerlichen Stempel in ihre Besprechungsexemplare zu drücken, um gar nicht zu übersehende Deviseneinkommen betrogen; denn das gestempelte Buch wird von den Kritikern im Ausland nun nicht mehr besprochen, es kommt nicht ins Geschäft und wird also später auch nicht verkauft.

Es hilft nicht weiter, wenn man sich darüber wundert, daß die Schweizer und französischen Literaturkritiker so empfindlich sind und ein Buch wegen eines kleinen Stempels als „gebrandmarkt“ bezeichnen. Soll man ihnen sagen, daß hier in Deutschland nach dem Krieg Kritiker und Laien sich auf die Buchneuerscheinungen gestürzt haben, ganz gleich, wie sie aussahen und wieviel Stempel sie trugen, und daß diese Gleichgültigkeit gegen das Äußere eines Buches, die sich Gott sei Dank bis heute bei uns noch nicht ganz verloren hat, zwar ein Stück Pietät und Tradition, aber auch ebensoviel bibliophilen Staub hinweggefegt hat? – Sie sind nun einmal die Kunden unserer Verlage, und den Kunden soll man es ja immer recht machen.

Wird es aber helfen, mit den Zollbehörden über die Sinnlosigkeit der eigenen Bestimmung in diesem Falle zu reden? Der Verleger Claassen hat es versucht – bisher vergeblich. Es ist die Anweisung Jeia 22, sagen die Beamten, Ziffer vier, fünf und sieben, und die Stempel bleiben also in den Büchern. Wenigstens, wenn die Sendungen vom Hamburger Zollamt abgefertigt werden. P. H.