Von Kyra Stromberg

„Es tanzt die Göttin“ – ein Farbfilm, in dem Rita Hayworth, Glanzprinzessin, aus Hollywood und wirkliche Prinzessin nach ihrer Heirat mit Ali Khan, die Hauptrolle spielt, ist nun auch zu uns gelangt. Dieser Film erzählt aus dem anstrengenden Leben der Cover-Girls, der Photomodelle für Magazine und Illustrierte. In ihm triumphiert weniger der Charme der Persönlichkeit als eine genormte Schönheit, von der die Filmleute in Kalifornien annehmen, daß sie den Kinobesuchern zwischen San Franziska und Berlin zuträglich sei. Freilich ist die „Göttin“ Rita von jener makellosen Maßschönheit, die heute allenthalben preisgekrönt wird. Aber wer weiß denn, ob wir an den Frauen, für die wir uns prügeln, nicht gerade eine Zahnlücke oder eine Falte besonders lieben?

Es war ein Tag und es begab sich in einer Landschaft, wie es sie so farbenfreudig und so schattenlos sonst nur in Technicolor-Filmen gibt. In der Mitte befand sich, umsäumt vom unerhört frischen Giftgrün des Rasens ein – swimming-pool – von der Farbe künstlicher Türkise, in den sich lila und rosa angestrahlte Springbrunnen ergossen. Auf dem Rasen tummelte sich eine Schar junger Damen, deren teils elegant bekleidete, teils nicht minder elegant enthüllte Gestalten sich wirkungsvoll gegen einen – nun ja, eben himmelblauen Himmel abhoben. Links und rechts vom Giftgrün blühte es sehr ordentlich und streng getrennt in Gelb und Rot. Ebenso ordentlich und bunt lagen die belegten Brötchen auf den Platten, standen die Obstsäfte in den Gläsern zur Erfrischung bereit.

Den Mädchen, die man auf den ersten Blick für eine Badegesellschaft hätte halten können, fehlte es indessen ganz an der trägen Lässigkeit solcher Veranstaltungen. Sie waren vielmehr ungemein eifrig, jede für sich und jede ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Die einen trugen mit feierlichen Gebärden starre, weiße Masken vor den Gesichtern, andere marterten ihr Haar mit stählernen Bürsten, wieder andere probierten immer aufs neue ein Lächeln oder den Schritt, mit dem sie vor die staunende Welt zu treten gedachten. Einige maßen verstohlen und mit abschätzenden Blicken zur Nachbarin ihre Halsweite nach oder ihren Wadenumfang. Einige lehnten in offenbar sehr unbequemen Stellungen an Bäumen oder über den Rand des Bassins, wobei sie mitten in der blendenden Hitze Pelze und Federhüte trugen. Vor ihnen standen, knieten, lagen oder hüpften flinke Herren mit Foto- und Filmapparaten. Ab und zu befahlen sie diese glanzvollen Geschöpfe mit strengem Anruf in eine neue Pose oder zupften ohne jede Scheu, aber – das muß ich sagen – auch ohne jedes zudringliche Interesse an ihren eleganten Kleidern herum.

Es dauerte ziemlich lange, bis ich erfuhr, daß es sich bei diesem Treiben um ein internationales Treffen des gesamten Schönheitsgewerbes handelte mit Monstermodenschau und kosmetischen Vorführungen. Vor allem ging es darum, endgültig die Schönheitsmaße festzustellen und danach die Schönste der Welt zu bestimmen. So waren denn die Spitzenkandidatinnen aller Sparten dieses Gewerbes erschienen, das der Schönheit und ihrer Verbreitung dient: die Mannequins, Fotomodelle und die Pin-up-girls. Wohin das Auge blickte – nichts als schöne Mädchen, die jederzeit bereit waren, einem das mathematisch genau nachzuweisen. Auch die Serviermädchen in ihren knappen Atlaskleidchen und die Kellner in ihren weißen Fräcken waren neu, tadellos und mindestens hübsch zu nennen. Nirgends eine Unvollkommenheit, soweit ich mich auch in dem umsah, was die Mädchen das „Neue Paradies“ nannten: kein krummer Weg, kein bißchen Schmutz oder Staub, keine gebückte alte Frau etwa. Alles glatt, blank, frisch und fleckenlos – und über allem Licht, Luft und Sonne! Kein Windhauch regte sich – er hätte ja auch die Frisuren der Glamour-Girls – so werden die Damen sinnig genannt – in Unordnung gebracht. Kein Schatten fand sich. – Wie leicht hätte der Tod auf seiner Spur den Gedanken an Vergänglichkeit einschleppen können! Ich selbst schien nicht aufzufallen. Man hielt mich wohl für einen Reporter und begegnete mir mit gemessener Höflichkeit. Ich schlenderte durch das Neue Paradies bis dahin, wo es durch riesenhafte, bewegliche Leuchtreklamen begrenzt wurde. „Sei schön durch ...“ war da zu lesen und einem Gebirge aus Seifenschaum entstieg ein nacktes, appetitliches Mädchen genau bis an die erlaubte Grenze. „Ewige Schönheit!“ versprach ein anderes und trug sich unentwegt eine rosa Creme aufs Gesicht.

„So schön wie Helena können auch Sie sein...“ las ich auf einer dritten Tafel. Ich starrte die Frauengestalt an, die da auf einer Liegestatt ruhte und lächelte. Das Bild kam und erlosch, kam und erlosch, kam und ...

„Warum starren Sie so, mein Freund“, sagte eine Stimme. Sie war angenehm dunkel und ein wenig spöttisch. Ich sah auf. Im leichten Schatten eines Ölbaumes ruhte eine Frau und lächelte. Ein Windhauch bewegte ein Haarlöckchen an ihrer linken Schläfe. Ich sah sie an und wußte, daß sie schön war. Ich sah sie wieder an und bemerkte, daß die kleinen Fallende in den Winkeln ihrer schrägen Augen, die beim Lachen kamen, auch nicht verschwanden, wenn sie ernst wurde. Ich sah, daß ihre sehr weißen Zähne zwischen den geöffneten Lippen vorn eine kleine Lücke zeigten, daß ihre Augenbrauen verschieden geschwungen waren, daß sich ihre Nase eine kaum merkliche Spur in die Höhe hob. Ich ging in ihrem Gesicht spazieren wie in einer Landschaft, die von Licht, Schatten und Wind Leben erhält und sich unaufhörlich verwandelt.