Eine deutsche Cocteau-Premiere

Freiburg, Mitte März

Die Tragödie „Orpheus“ von Jean Cocteau war Rilkes letzte Übersetzungsarbeit; er konnte sie nicht mehr zu Ende führen. Ferdinand Hardekopf, dessen Übersetzung jetzt die Städtischen Bühnen Freiburg aufführten, blieb der sensiblen Sprache Cocteaus zwar etliches schuldig. Dafür aber hat er den Schauspielern Rollen und Sätze gegeben, die sich effektsicher sprechen lassen und die das skurril versponnene Geschehen dramatisch voranzutreiben vermögen.

Vieles in dem Stück erinnert an den „Orphée“-Film, den Cocteau ein Viertel Jahrhundert später drehte, wobei er allerdings die Problemstellung wesentlich erweiterte und vertiefte. Hier, in dem Bühnenwerk, ist Orpheus ein leicht unglücklicher Literat, dem ein sehr gebildetes Pferd zulief: mit Hufschlägen gibt es dem Orpheus die Buchstaben an, aus denen dieser ein Poem für den jährlichen Literaturwettbewerb macht. Diese Ironie, die aus der vermeintlichen „Tragödie“ einen Varieté-Jux macht, findet sich selbst in der Szene mit Madame la mort wieder, die mit geheimnisvollen Elektrisiermaschinen, mit magischen Gesten und einem endlos langen Metermaß der toten Eurydice die Seele aus dem Leib zieht. Aber Heurtebise, der unerkannte Schutzengel, schickt Orpheus durch den Spiegel in das Totenreich hinab. Wie er nun die wiedergewonnene Eurydice durch einen neuen kleinlichen Streit verliert, wie endlich die Verhexung durch das Zauberpferd von ihm weicht und er sich zu einem „heroisch-reinen Wesen“ wandelt, den bacchantischen Literatinnen entgegenstürmt, die ihn zerreißen, wie sein abgeschlagener Kopf eine Litanei spricht und sich die beiden Liebenden schließlich mit ihrem Schutzengel im Himmel zusammenfinden und erlöst zu ihrem Gotte beten – das weist doch aus dem Bürgerschreck schon zu wirklich mythischen Elementen hinüber.

Mitunter erinnert dieser Cocteausche „Orphiée“ ganz überraschend an einzelne Szenen und Motive aus Eliots „Cocktail Party“, mit der ihn bei allen grundsätzlichen Verschiedenheiten doch eine verwandte geistige Absicht verbindet. Auch dies hat die Inszenierung von Roland Ricklinger spürbar werden lassen. „Wir spielen auf sehr hochgespanntem Seil und ohne Rettungsnetz“, sagt Cocteau im Prolog; daß es zwischen den Taschenspieler-Tricks, der Traumlandschaft des Todes und der Erlösung keinen Fehltritt, gab, ist der wirklich poetischen Verzauberung durch Ricklingen Regie-Einfälle zu danken.

Ulrich Seelmann-Eggebert

Fehlzündung – so hätte eigentlich der Titel eines in Frankfurt a. M. uraufgeführteu Stückes heißen müssen, dessen Autor, Behle Nesthaus, in zwei Stunden keine echte Pointe zustande brachte. Wenn er einmal einen geistreichen Einfall hatte, dann war er nicht von ihm – oder er entpuppte sich als Kalauer, der einem in die Magengrube fuhr.