W. v. F., Ankara, im März

Ihren Wahlsieg hatte die demokratische Partei der Türkei unter der Devise „Liberalisierung der Wirtschaft“ erfochten. Der Außenhandel sollte also freier gestaltet werden; Hauptansatzpunkt aber war der Kampf gegen die Staatsindustrie, gegen die etatistische Industriepolitik.

Als Atatürk die junge Türkei gründete, sah er sich vor einem hoffnungslos erscheinenden Loch in der Handelsbilanz. Es waren nicht irgendwelche sozialistischen Erwägungen, Welche ihn veranlaßten, Teile dieser Löcher durch die Gründung von Staatsindustrien zu füllen, sondern einfach die Erkenntnis, daß eine Reihe einheimischer Industrien notwendig wären, um die Einfuhren herabzusetzen, daß sich aber sonst nie? mand finden würde, der solche Industrien schaffen könnte, wenn er es nicht täte: das heißt, der Staat. So entstand der „Etatismus“. Außer dem Verkehrswesen (einschließlich der Teile, welche von den fremden Unternehmungen aufgekauft wurden), der Elektrizitätswirtschaft und den Public Utilities befinden sich der Kohlen-, Kupfer- und Eisenbergbau und rund drei Viertel der Chromerzproduktion (für welche die Türkei ja einer der wichtigsten weltproduzenten ist) in der Hand des Staates. Das gleiche gilt für die Schwerindustrie, für Zellulose und Papier, für Kunstseide und für Zucker. Ins Gewicht fallende Privatindustrien gibt es eigentlich nur bei Textilien. Aber auch hier sind die bedeutendsten Werke in Staatshand. Der Staat beschäftigt von der türkischen Industriearbeiterschaft etwa 75 v. H.

Laut Programm soll dieser Etatismus „soweit als möglich alsbald abgebaut“ werden. Nun steht wohl die Regierung in einer Reihe von Verhandlungen, Teile der Staatsindustrie der freien Wirtschaft zu übergeben. Aber: ein nicht unerheblicher Teil dieser Unternehmungen ist seinerzeit unter militärischen Gesichtspunkten geschaffen worden. Die Folge ist, daß viele dieser Betriebe nur unter großen Schwierigkeiten mit ausländischer Konkurrenz preislich mitkommen können. Teilweise sind sie auch in ihrer Rentabilität (vor allem Stahl und Eisen) mit einer aus strategischen Gründen gewählten wirtschaftlich ungünstigen geographischen Situation belastet: die Stahlindustrie steht weder auf dem Erz noch auf der Kohle. Für Staatsbetriebe war dies insoweit nicht „gefährlich“, als eben der Staat ihnen die ausländische Konkurrenz vom Halse hielt. Nun aber hätte das private Kapital das Risiko zu tragen, ohne daß der Staat direkt interessiert wäre, also Importe zu Preisen zulassen könnte, die die Rentabilität in Frage stellen. In einem Lande, in dem die Mehrheit der Wähler Bauern, d. h. Konsumenten von Industriegütern, sind, ist das aber eine Situation, welche dem privaten Kapital Besorgnis einflößen muß.

Zudem ist die türkische Kapitaldecke mehr als knapp. Auch den größten und angesehensten Firmen gehen manchmal die Mittel aus, um nur das dringlichste Exportgeschäft zu bewältigen. Der mittlere türkische Kapitalist, der von Natur und Herkunft kein Kaufmann ist, zieht es außerdem häufig vor, sein Geld statt in der Industrie in Grundstücken anzulegen oder auch – als Konsequenz der mehrfachen Währungsdevaluationen – im Ausland. So ist die Aussicht, daß türkisches Privatkapital nennenswert als Käufer der Staatsindustrie auftritt, nicht sehr groß, wenn die Fabriken nicht geradezu verschleudert werden. Es bleibt als Hoffnung: der Dollar. Doch auch für ihn ist es ohne besonderen Anreiz, Anlage in von Natur aus nicht sehr rentablen Industrieunternehmungen, dazu hart am Eisernen Vorhang, zu suchen, wenn er in den USA lohnendere Anlage reichlich findet.

Kleinere Staatsunternehmen mag man vielleicht verkaufen können. Aber für die „Großen“ sind die Chancen gering. Daher wird erwogen, die Betriebe zunächst über die Pacht in Privathand überzuführen. Befriedigend ist das natürlich nicht. Dagegen kann man mit einiger Sicherheit rechnen, daß künftig Industriegründungen nicht mehr vom Staat vorgenommen werden. Die Absicht, eine Organisation für den türkischen Fischfang und die dazugehörige Fischindustrie, welche an sich gute Aussichten verspricht und wofür im Laufe des vergangenen Sommers auf Grund von Ziehungsrechten sehr erhebliche Aufträge für Fischereifahrzeuge in Deutschland placiert worden sind, als staatliche Gründung „aufzuziehen“, ist bereits aufgegeben worden. Die Fischereifahrzeuge sollen privaten Unternehmern angeboten werden. Eine Ausnahme allerdings hat die neue Regierung schon gemacht: in einem Vertrag mit dem amerikanischen Hotelkönig Hilton ist vorgesehen, daß ein neues Hotel für Istanbul durch den Staat errichtet wird, dessen Betrieb allerdings einer amerikanischen „Regie“ überlassen bleibt.