Endlich kann der deutsche Kohlenbergbau wieder einmal von Rekordziffern in der Förderung berichten. Es scheint also eine gewisse Beruhigung in dem wirtschaftlich wie politisch so empfindsamen Komplex Kohle eingetreten zu sein, jedenfalls soweit die innerdeutsche Versorgung nach dem Einpendeln auf einen geringeren Stand in Frage kommt. Seit Mitte Februar schwankt die normale Tagesförderung um 385 000 t, wobei langsam ein Abbau der Sonntags-Zusatzschichten und dafür ein kurzes Verlängern der Wochentagsschichten um eine halbe bis eine Stunde vorgenommen wird. Auch die Schichtleistung je Mann unter Tage klettert; sie hat jetzt 1,47 t gegen etwa 1,4 t im Sommer vorigen Jahres erreicht.

Ohne Zweifel wirken sich mehrere Vorgänge günstig auf die Tagesleistung im Bergbau aus. Die Verkrampfung der Arbeitsenergien deseinzelnen durch Lohnkämpfe, Streikhetze und politische Beeinflussungen ist (vorübergehend?) überwunden – einerseits. Andererseits beginnen die stark erhöhten Reallöhne, weitere Berufsförderungsmaßnahmen, das neue 200-Mill.-DM-Wohnbauprogramm und – nicht zuletzt – die ständigen Verbesserungen unter Tage sich günstig auszuwirken.

In einem Gespräch, das kürzlich „Die Zeit“ mit Generaldirektor Heinrich Kost hatte, kam ein kräftiger Optimismus des deutschen Kohlenchefs zum Ausdruck. Er schätzt die Leistungsreserve, auf die Förderung bezogen, mit etwa 10 v. H. des Standes von rund 370 000 t ein und glaubt, daß infolge sich gegenseitig ergänzender Maßnahmen, wie Prämien, Mechanisierung, Preisbesserung und Umlagerung von Arbeitskräften innerhalb der Zechenbetriebe zugunsten der produktiven Schichten, diese Reserve durchaus geweckt werden könnte.

Ein besonderes Kapitel dürfte wieder die Preisfrage werden. Der Bergbau verweist erneut darauf, daß die Kohlenpreiserhöhung vom Dezember 1950 nicht ausgereicht habe und trotz einer gewissen Kostendegression die Selbstkosten zugenommen hätten, die Ertragslage eine Verschlechterung erfahren habe. Ehe wieder keineswegs erfreuliche Debatten über eine Inland-Kohlenpreiserhöhung in Gang kommen, sollte u. E. ein konzentrischer deutscher Druck gegen die uns aufgezwungenen Kohlenexportpreise beginnen. Denn: abgesehen von Spitzenpreisen, die amerikanische Kohle plus Fracht zur Stunde in Europa erreichen, ist festzustellen, daß die Ausfuhrpreise der Kohlenexportländer heute durchschnittlich 15 bis 20 DM je Tonne über den deutschen Preisen liegen. Die Ruhrbehörde hat dem deutschen Bergbau einen höheren Kohlenexportpreis verboten, um den Siegermächten und ihren Nachbarn billigste Einkaufsmöglichkeiten zu sichern. Könnte der deutsche Bergbau aber um rund 15 DM je Tonne höhere Auslandspreise nehmen, dann brächten rund 25 Mill. t Jahresexport zusätzlich etwa 300 Mill. DM ein. Diese Summe fehlt gerade dem Bergbau, um seine Investitionen durchzuführen, besser: um nicht nur mit einigen, sondern mit der ganzen Breite der Zechengesellschaften in eine gute Rentabilität zu kommen – die Voraussetzung Fremdkapital für die Kohle zu interessieren. Und dann bedeutet ja der erzwungene niedrige Kohlenexportpreis praktisch eine Reparationszahlung aus der laufenden Produktion und ein Devisengeschenk. Es wäre ratsam, diese Tatsache offiziell zur Sprache zu bringen ... Denn gerade jetzt haben wir Devisensorgen. Der Bergbau braucht noch einige hundert Mill. DM mehr. Diese zu mobilisieren heißt, die Zukunft der Kohlenzechen und die Kohlenversorgung sicherzustellen: 1946 waren 6 v. H. der Bergwerke voll- oder halbmechanisiert. Anfang 1951 sind es bereits (oder erst) rund 20 v. H.

Eine Tagesförderung an einem Betriebspunkt mit 400 t voll zu mechanisieren, d. h. Stahlausbau vornehmen, eine Schrämmaschine und z. B. einen Panzerförderer ansetzen, erfordert knapp 300 000 DM. Nach diesem Aufwand an einem einzigen Betriebspunkt steigert sich die bis dahin übliche Ausbeute von etwa 280 t um rund 120 t, errechnet im gewogenen Durchschnitt. Eine Mechanisierung mittels dieser Einzelinvestitionen ist in den letzten Jahren zweifellos gut angelaufen, Sie müßte durch den Ausbau der Anlagen. – überhaupt und die Erstellung neuer Schächte ergänzt werden. Eine moderne Doppel-, schachtanlage mit einer Tagesförderung von 8000 bis 10 000 t erfordert aber, je nach den geologischen Verhältnissen, etwa 250 bis 300 Mill. DM. Hierin sind die Kosten für eine Kokerei und weitere Veredelung nicht, wohl aber die Kosten für entsprechende Werkswohnungen mit einberechnet. Vom ersten Spatenstich bis zur Aufnahme der vollen Förderung dürfen gut zehn Jahre und mehr gerechnet werden.

Nun befinden sich aber glücklicherweise schon mehrere Anlagen in einem recht weit vorgeschrittenen, 1945 unterbrochenen, Baustadium. Sie durften bisher auf Grund alliierter Anweisungen nicht fertiggestellt werden. Der Bergbau hofft jedoch, daß nun an die Arbeit gegangen werden darf. Zur Fertigstellung der in Bau befindlichen Anlagen (es sind „Emil Mayrich“ bei Aachen, „Verbundbergwerk Haniel“ der Gutehoffnungshütte, „Germania“ der Gelsenkirchener Bergwerks-AG. bei Dortmund, „Friedrich Heinrich III“, „Polsum“ der Hibernia und „Gewerkschaft Rossenray“ und „Rheinberg“) werden etwa 375 bis 475 Mill. DM gebraucht. Mit dem Abschluß dieser Investitionen wäre eine Kapazitätserweiterung des Steinkohlenbergbaues um rund 24 000 bis 25 000 Tagestonnen zu erreichen. Die Anlagen Germania, Haniel und Friedrich Heinrich III könnten schon 1953 betriebsfertig sein – wenn gleich begonnen wird.

Die Ausschöpfung dieser Leistungsreserven mag zwar überwiegend eine innerdeutsche Angelegenheit sein. Es darf aber nicht übersehen werden, daß die hemmenden Eingriffe der Ruhrbehörde und neuerdings die Gefahr der Auflösung des einheitlichen deutschen Kohlen Verkaufs psychologische Bremsklötze sind. Keineswegs jedoch sind die Investitionsmöglichkeiten allein von deutscher Seite beeinflußbar, da der Bergbau in seiner Preisgestaltung auf den Exportmärkten gebunden, ihm die Marktchance seit Jahren genommen und er in der Versorgung mit Investitionskrediten noch lange nicht ausreichend genug versehen ist. Die Zwangsjacke der Kohlenbevormundung müßte also mit mutigem Entschluß aufgeschlitzt werden. Bundesregierung wie Kohlenwirtschaft sollten auf Freigabe der Kohlenexportpreise drängen. Das Wort „Reparationen aus der laufenden Kohleproduktion“ ist verhängnisvoll. Rlt.