Die Illusion, die Chinesen könnten durch riesige Verluste, infolge der überlegenen Feuerkraft der UNO-Streitkräfte zum Verhandeln gezwungen werden, ist schnell zerstoben. Statt von der „Operation Hekatombe“ spricht man jetzt von der „Operation Sackgasse“. Damit ist die militärische, aber auch die diplomatische Situation treffend gekennzeichnet. Die Zuversicht, die sich aus den völlig unkontrollierbaren Verlustziffern des Feindes nährte, ist dahingeschwunden. Man erkennt, daß die offiziellen-Berichte MacArthurs mehr Aufschluß über seine Wünsche als über seine Erfolge geben.

Bereits am 2. März hieß es; „Das Verteidigungspotential des Feindes im Räume des 38. Breitengrades ist trotz seiner schweren Verluste und trotz der Zerschmetterung seiner Nachschublinien nicht zerstört worden.“ Am 7. März, nach seinem zwölften Blitzbesuch im Zentralabschnitt der Front, wurde der Oberkommandierende der UNO-Streitkräfte deutlicher: „Die Bestände an Mannschaften, die der Feind in den Kampf schickt, lassen ebensowenig nach wie die Mengen an Material, die er an die Front schafft.“ Und MacArthur fuhr fort: Wenn die Begrenzung seiner Bewegungsfreiheit beibehalten und die ihm zur Verfügung gestellten Truppen nicht verstärkt würden, müßten die Operationen in eine Sackgasse geraten. Mehr noch: Je weiter die UNO-Streitkräfte nach Norden vorrückten, um so besser funktioniere das Nachschubsystem des Feindes, um so geringer werde die Wirksamkeit der amerikanischen Luftwaffe, um so fühlbarer werde die zahlenmäßige Überlegenheit des Feindes. Jetzt schon lägen Anzeichen dafür vor, daß auf chinesischem Gebiet eine massive Frühjahrsoffensive vorbereitet werde. Moskau habe Peking dafür dreitausend moderne Flugzeuge geliefert(!)

Es ist klar, worauf MacArthur hinaus will. Er will Verstärkungen haben in Höhe von vier bis fünf Divisionen, und vor allem will er die Erlaubnis erlangen, die in der Mandschurei vorbereitete Offensive mit seiner Luftwaffe zu zerschlagen. Dadurch aber würde die Gefahr akut, daß es zu einem offenen Krieg mit China und möglicherweise sogar zur Auslösung des sowjetischchinesischen Beistandspakts kommt. Und dies gilt nicht nur für die Bombardierung der Mandschurei, sondern auch für den Fall, daß Truppen Tschiang Kai-scheks auf dem chinesischen Festland eingesetzt würden. In dieser Richtung scheinen sich jedoch die Wünsche Mac Arthurs ebenfalls zu bewegen. Wo anders sollten auch die Divisionen herkommen, die er verlangt? Deutlich wird diese Absicht des Oberkommandierenden der UNO-Streitkräfte in einem Artikel, der in der englischen Ausgabe der japanischen Zeitung „Mainichi“ erschienen ist. Er stammt aus der Feder des amerikanischen Journalisten Robert Allen. Dieser, so berichtet der Sonderkorrespondent der „Monde“ aus Tokio, gelte als der offiziöse Sprecher MacArthurs, und sein Artikel sei mit Einwilligung der äußerst strengen Zensur erschienen. Allen spricht ganz offen von der Vorbereitung einer zweiten Front in China und einer Landung von dreihunderttausend Mann nationalchinesischer Truppen aus Formosa auf dem chinesischen Festland. „Die Alliierten sind von den Vereinigten Staaten unterrichtet worden, daß, wenn nicht neue Truppenverstärkungen in Marsch gesetzt würden, die Amerikaner es für nötig erlebten könnten, das Angebot anzunehmen, die nationalchinesischen Streitkräfte zu benutzen.“

Wenn dies sich so verhält – und dementiert worden ist es bisher nicht – so droht eine neue Krise in der UNO und insbesondere in den amerikanisch – englischen Beziehungen auszubrechen. Doch kann man sich nur schwer vorstellen, daß Amerika es so weit kommen lassen könnte, in dem Augenblick, in dem es zusammen mit England und Frankreich der Sowjetunion gegenübertreten will, um über Europa zu verhandeln.

Paul Bourdin