Atlantis mag (wenn es je existiert hat) untergegangen sein. Auch für Pompeji und Herculanum kam der Tag des Untergangs. Das Wort vom „Untergang des Abendlandes“ hingegen hat Spengler nicht katastrophisch gemeint. Und ebenso sollte man sich nur behutsame Vorstellungen vom „Untergang der Antike“ machen. Gewisse Prognosen könnten sonst allzu kraß ausfallen, und es möchte geschehen, daß die Wandlungen, die in unserem Zeitalter vor sich gegen, übersehen werden, weil sie nicht mit der Wucht eines Seebebens oder eines Vulkanausbruchs über uns kommen.

Unzweifelhaft ist aber wohl, daß in der Geschichte ein Wechsel von relativ stabilen und vorwiegend unstabilen Epochen anzutreffen ist. Gerade, auch in der abendländischen, die im ganzen, verglichen mit der der außereuropäischen Räume, die schlechthin unstabile ist. Die herkömmliche und trotz aller Kritik immer wieder aufgenommene Gliederung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit hat darum ihr Recht, weil die europäischen Lebensformen sich wirklich in den drei so bezeichneten Phasen Wesentlich gewandelt haben.

Wie tief diese Wandlungen griffen, was sie jeweils bestehen ließen und was sich an Neuem erzeugte – das gründlich zu bedenken ist gerade heute von Wichtigkeit, wo die Diagnosen kreuz und quer gehen. Trotz Toynbee ist da noch manches unklar, und im Spiel der Analogien werden nicht immer die Regeln eingehalten. Darum war es gut, daß ein Geschichtsforscher, der Marburger Historiker Eberhard Kessel, sich einmal die „Zeiten der Wandlung“ ausdrücklich zum Thema genommen und die Fragen, die sie stellen, durchgesprochen hat. (Küsten-Verlag Cornelius van der Horst, Hamburg, 306 S.) Der Untertitel seines Werkes, „Hauptepochen abendländischer Geschichte“, zeigt sogleich an, daß weniger die „Untergänge“ als vielmehr die Übergänge zu untersuchen waren – jene Obergänge, die nach Ranke „das Wunderbarste in der Geschichte des menschlichen Geschlechts“ sind. Völkerwanderung, Renaissance und Reformation, Französische Revolution – das sind die drei großen Umschaltungen, die aus der Antike ohne eigentlichen Bruch – bis in die Gegenwart führen. Welchen Anteil daran handelnde Persönlichkeiten hatten, welche Tendenzen sich durchhalten konnten, wie und mit welcher Wirkungskraft Neues in die Welt trat, wie es aufgenommen und verwandelt wurde, welche Widersprüche und Überschneidungen große Krisen einleiteten – das alles stellt Kessel an den Phänomenen selbst dar, ohne spekulative Wagnisse und ohne voreilige Systematik.

Die Aktualität dieses aus Vorlesungen hervorgegangenen Buches liegt nicht in seinen Bemerkungen zur Gegenwart (die sind vielleicht, etwas zu sehr auf die Rolle des geschichtlichen Bewußtseins eingeengt), sondern darin, daß es erkennen läßt, wie komplex und unsimplifizierbar gerade die Zeiten des Übergangs sind und was man alles überschauen muß, um ihnen auf den Grund zu kommen. Christian E. Lewalter