Als wir in seinem Versteck inmitten der Lüneburger Heide beisammen saßen, wollte es der Zufall, daß dies ein wichtiger Termin für Ramcke war. Otto Laun nämlich, ein bekannter ehemaliger Fallschirmjäger-Offizier, der ebenfalls zugegen war, berichtete von dem Echo, das die Nachricht von der Flucht Ramckes überall hervorgerufen hatte. Ja, General Ramcke, der in französischer Gefangenschaft jahrelang vergeblich auf seinen Prozeß gewartet hatte, war durchaus einverstanden, daß sein „Fall“ die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit erregt hatte! Gerade dies hatte er gewollt; dies war seine Absicht gewesen! Doch als die Rede darauf kam, daß gewisse ultra-nationalistische Kreise offensichtlich entschlossen waren, seine Flucht nach Deutschland als eine Demonstration ganz allgemein gegen Frankreich umzudeuten, da erhob Ramcke sofort Widerspruch. „Nichts gegen das französische Volk!“ sagte er. Er wollte außerdem ausdrücklich unterschieden haben zwischen solchen gefangenen Deutschen, die unschuldig, und solchen, die schuldig sind. – Wir waren zu dritt an diesem Abend, an dem Ramcke, der sich unschuldig weiß, seine Entscheidung traf. Er sagte (wie dies in der Ausgabe der „Zelt“ vom 22. Februar berichtet wurde); „Wie, wenn man mir einen garantiert echten Prozeß-Termin gäbe? Wie, wenn man mir ein Generalsgericht zubilligte und keines, das durchsetzt ist von kommunistischen Mitgliedern der Résistance, die mehr nach ihrer Ideologie vorgehen als nach dem Recht und die Frankreich mehr schaden als nützen? ... Ich will nicht länger durch Deutschland irren, will nicht ins Ausland flüchten. Ich will mich stellen, ich habe keine Furcht.“

Obwohl diese Sätze in der französischen Nachrichten-Agentur auch in Frankreich verbreitet wurden, stellt Le Monde, das große Pariser Blatt, angesichts seiner freiwilligen Rückkehr die Frage: „Wie soll man sich diese Geste erklären?“ Meldet diese Zeitung. doch zugleich, Ramcke habe am 19. Februar in Deutschland eine „Pressekonferenz“ abgehalten, und was Le Monde davon „zitiert“, klingt nicht danach, als hätte Ramcke die Unschuldigen und die Schuldigen unter den in Frankreich Gefangenen auseinanderhalten können. Irrtum! Ramcke. hat keine „Pressekonferenz“ abgehalten. Abgesehen von einer Begegnung mit Photoreportern des „Stern“ hat er weder vor dem 19. Februar noch nachher mit einem Journalisten gesprochen außer an diesem Abend, am 16. Februar, an dem er sich entschied: „Ich werde mich stellen!“ Er stellte sich aber, weil seine Wünsche Gehör in Frankreich gefunden haben. Sein Prozeß ist ihm für den 19. März garantiert, und es wird ein Generalsgericht sein. Daß er furchtlos war, hatte er bei seiner Rückkehr tatsächlich bewiesen: er reiste ganz einfach auf dem Wege, auf dem er gekommen war, nach Paris, blieb unerkannt und meldete sich im „Cherche-Midi“; dort hatte er einst lange gefangen gesessen. Man brachte ihn von dort zum Lager von Cormeilles-en-Parisis, unweit von Paris, wo auch andere gefangene Deutsche auf ihren Prozeß warten.

Warum also kehrte Ramcke zurück? Er kehrte zurück, um sein Vertrauen auf einen gerechten Richterspruch als seinen persönlichen Anteil zur Verständigung zwischen den beiden Völkern beizutragen. Wieviel Mut dazu gehört, dafür mag eine kleine Trauerfeier ein Zeugnis sein, die jüngst im romanischen Seminar der Universität München für den Studienrat Josef Weisensee stattfand. Josef Weisensee, der nichts als ein einfacher Dolmetscher gewesen war, wurde nach dem Kriege – wegen einer Wohnung – denunziert. Eine Untermieterin seiner Münchener Wohnung behauptete, er habe in Frankreich Kriegsverbrechen begangen. Er wurde am 5. Februar 1951 erschossen auf Grund von „Zeugenaussagen“ jener Gruppe von Leuten, die abzulehnen General Ramcke offenbar guten Grund hatte. Kein Geringerer als Professor Rheinfelder, Romanist der Münchener Universität und Hochschulreferent im Bayrischen Kultusministerium, ein Freund französischer Kultur und Gesittung, sagte bei der Trauerfeier für seinen erschossenen Schüler, den Studienrat Weisensee, es seien falsche Zeugen auf getreten, Jan Molitor