Die Amerikaner können uns Europäer manchmalzur Verzweiflung bringen, weil für sie Politik so oft eine Angelegenheit von Emotionen ist. Manchmal aber hat diese Eigenschaft auch eine sehr menschliche Seite. Da hat die New York Times in der vorigen Woche drei Briefe veröffentlicht: den Brief eines jungen, zur Marine eingezogenen Amerikaners, der den Zweifel und die Verzweiflung vieler seiner Kameraden gegenüber der amerikanischen Außenpolitik und dem Geschehen in Korea zum Ausdruck bringt. Ferner den Brief seines Vaters, der an den Außenminister Acheson schreibt mit der Bitte, ihm zu sagen, was er dem Sohn antworten solle. Und schließlich die Antwort Achesons. – Irgendwo in Kalifornien also schreibt ein unbekannter 24jähriger an seinen Vater, und der Außenminister Amerikas, den man nur aus seinen klugen, meist glänzend formulierten, oft etwas hochmütigen offiziellen Äußerungen kennt, erwidert mit einem ganz persönlichen, sehr warmherzigen Brief über die letzten Fragen der Politik und Tradition seines Landes.

Der Brief des Sohnes kritisiert zunächst scharf dieRüstungs- und Finanzpolitik Trumans. Wie beschämend – sagt er sodann – ist eine Politik, die sinnlos Menschenleben opfertEine Bankrotterklärung jeglicher Politik, die doch am runden Tisch gemacht werden sollte und nicht auf den Schlachtfeldern. Entweder sollte manChina den Krieg erklären, wenn es nicht anders geht, oder aufhören, amerikanische Truppen in der ganzen Welt zu verstreuen Und warum überhaupt immer Amerika, wenn die anderen Länder gar nicht bereit sind, auch etwas zu nun? „Die Moral hier bei uns ist nicht hoch“, schreibt er, „nicht weil wir Angst haben vor dem Krieg, sondern weil wir keinen Grund sehen, ihn zu führen. Wir wollen Frieden, genau wie alle jungen Menschen in der Welt, Frieden und nichts anderes.“

Die Antwort des Außenministers an den Vater des Soldaten schildert zunächst das amerikanische Leben: In einer Atmosphäre von fairness, Gutgläubigkeit, harter Arbeit, Hilfsbereitschaft und Toleranz sei die Jugend herangewachsen; jetzt aber, da sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen, eine Familie gründen und an der größeren Gemeinschaft des Volkes mitbauen wolle, sei alles mit einem Schlage anders geworden: Entbehrungen, Einsamkeit, Ungewißheit, Gefahr ... Kaum erscheine es vorstellbar, daß jene fernen schattenhaften Figuren im Kreml – die Inkarnation des Böaea – die Macht haben sollten, das Leben aller derart zu verändern. Und doch sei dem so. „Ich glaube aber, daß in diesem wie in so vielen anderen Fällen das Entscheidende nicht ist, was uns widerfährt, sondern wie wir das, was uns widerfährt, tragen.“

Acheson versteht die Enttäuschung des jungen Soldaten angesichts der heutigen Situation durchaus. Er meint aber, sie beweise nicht, daß die Ideale falsch seien, sondern nur, daß sie schwerer zu verwirklichen seien als man angenommen habe. „Es ist ein altes Problem. Unsere Vorfahren auf diesem Kontinent haben erfahren, daß die Freiheit, deren wir uns erfreuen, nicht ohne große Anstrengungen gewonnen und bewahrt werden konnte, nicht ohne ständige Opfer und immerwährende Wachsamkeit. Wir haben den Segen der Freiheit solange genossen, daß wir sie für selbstverständlich hielten. Unserer Generation und der Ihres Sohnes ist es zugefallen, wieder die Verteidigung gegen den Angriff der Tyrannei zu übernehmen ... So wie unsere Vorfahren zwei Dinge zugleich tun mußten, nämlich Wachen ausstellen, die ihre Siedlungen schützten, während die anderen das Land bebauten, so stehen wir mit einem Fuß in der Welt unserer Zukunftshoffnungen auf eine neue Ordnung unter den Nationen und mit dem anderen in der Welt der konkreten Macht. Viel Schweres liegt vor uns, aber es gibt keinen leichteren Weg zu einer friedlichen Welt ... Ihr Sohn fragt, ob Korea etwas beweist. Es ist richtig und gut, daß ihm die Zerstörung von Korea und das Blutvergießen ans Herz greifen, aber ich hoffe, er wird einsehen, daß Korea sehr viel beweist, nämlich dieses; daß die Menschen, die die Freiheit lieben und an die Vereinten Nationen glauben, dort gezeigt haben, daß sie für diese Dinge zu kämpfen bereit sind. Die heldenhaften Opfer, die heute in Korea gebracht werden, mögen vielleicht der Welt die viel größere Katastrophe eines Weltkonfliktes ersparen ...“

„Mir kommt es nicht darauf an“ – so schließt Acheson – „daß Ihr Sohn die Überzeugung gewinnt, daß ich oder die Verwaltung oder die Regierung in irgendwelchen Einzelfragen das Richtige tun, es ist sogar gut, daß er sich fragt, ob wir richtig oder falsch handeln. Wichtig aber ist, daß er und alle unsere jungen Leute an die Gültigkeit und Realität der Ideale glauben, mit denen dieses Land einmal begründet wurde und nach denen wir versuchen, unser Handeln auszurichten. Solange unsere Jugend in diesem Glauben stark ist, können wir sicher sein, daß wir den Anfechtungen und den Herausforderungen der Zukunft widerstehen.“ Dönhoff