Berlin, im März

Robert Oboussier, bis zum Jahre 1938 Musickritiker an der Deutschen Allgemeinen Zeitung und einer der Gescheitesten und Elegantesten seines Fachs, ist aus seiner Schweizer Heimat nach Berlin zurückgekommen – als Komponist des„Amphitryon“. Das Libretto, das er sich als Metamorphose der Fassungen von Molière und Kleist geschrieben hat, rückt die drei Hauptfiguren der göttlichen Escapade in neue seelische Aspekte – was angesichts seiner achtunddreißig Vorgänger Bewunderung verdient. Zentralfigur ist die ahnungslose Ehebrecherin Alkmene, unbeirrt in ihrer Liebe zu dem Menschengemahl, selbst nachdem sich ihr der Herr der Blitze enthüllt hat. Dem Überirdischen, der wohl Menschengestalt annehmen, nicht aber sein göttliches Wesen preisgeben kann, bleibt mithin nur der Verzicht, da er mit seinem Täuschungsmanöver Alkmenes Liebe bestenfalls ja nur stehlen könnte. In diesem Punkt ist ihm also Amphitryon überlegen, so schwach andererseits dessen Position in der direkten Konkurrenz mit der Gottheit ist. Seine von Jupiters Abschiedskuß in Schlaf versenkte Gattin hält er für tot und ringt sich in seiner Verzweiflung zu weher Selbstkenntnis empor: durch diese Läuterung erst wird er würdig, das erhöhte Glück der von dem goldschimmernden Rivalen neu geschenkten Liebe an der Seite Alkmenes zu genießen. Unirdisch, wie das göttliche Abenteuer anhob, verklingt es in den kreisenden Sternen-Sphären der Nacht, die alle Liebenden schützend umfängt und den wiedervereinigten thebanischen Gatten ein Zwillingspaar verheißt: Herakles, den Sohn des Gottes, und Iphikles, den Sohn Amphitryons.

Zu dieser Haupthandlung, der die noble psychologische Durchleuchtung der drei Akteure ebensoviel Glaubwürdigkeit wie sittliche Größe gewinnt, liefert das Dienerpaar Cleanthis-Sosias, mit Merkur als unerbetenem Dritten, wie üblich den drastisch-buffonesken Kommentar, eine weitere – ironische – Variation über das Thema „liebe“, in ihrer verwirrenden Mischung von Mystischem und Realem, von Erhabenem und Komischem. Günstigste Voraussetzungen also für den Musiker, um so mehr als der klug ausgewogene, Prosa und Reimpoesie sinnvoll verquickende Text Rezitativ und Arie bereits so scharf gegeneinander absetzt, wie es den geschlossenen Formen der Nummernoper gemäß ist.

Nicht ebenso konsequent werden Ernst und Ironie in der Partitur getrennt. Wo sie prunkvoll illustrierende Symphonik aufbieten kann, hat sie ihre effektvollsten Momente, besonders in dem großen Zwischenspiel, das mit heldischen, von Harfenglissandi umblitzten ’Bläserklängen Alkmenes Liebesnacht mit dem Gotte malt. Das reich ausgestattete Orchester bevorzugt lichte Farben und überläßt Rezitativbegleitungen meist dem Cembalo; aparte Tönungen findet es in manchem Instrumentalsolo, verzichtet aber nur ungern auf die warme Süße des sinnlichen Streicherklanges. Die Harmonik benutzt akkordfremde Töne und Überlagerungen als polytonal schillerndes Make-up, als Tarnung, hinter der meistens Richard Strauß erkennbar bleibt. Er ist es auch, der den lyrischen Strom in die Richtung der „Ariadne“ weist. Mit Synkopen dagegen, die ein Echo des Jazz und Strawinskys sind, trottet Sosias herein; Cleanthis, die früher Charis hieß, offenbart in einfältigen Volksliedtönen ihre primitive Pfiffigkeit, und Merkur-Sosias läßt seine Philippika gegen die abenteuerlustigen Götterväter mit „Hojotoho“ und ähnlichen spöttischen Anspielungen würzen. Dann beherrscht der Komponist natürlich auch die barockisierende Geste, die beispielsweise Alkmenes Verzweiflungsarie etwas Strenges, gleichsam Gefesseltes gibt. Im allgemeinen formt jedoch der Text die Charaktere plastischer aus als die Musik.

Die Städtische Oper, die das Werk am gleichen Abend wie Dresden zur Uraufführung brachte, ließ die Handlung vor delikat stilisierten, klassischen Kulissen von Emil Preetorius abrollen. Unter Werner Kelchs nicht immer glücklicher Regie entwickelte sich das Spiel zwischen Würde und Ausgelassenheit, Artur Rother hatte es musikalisch sorgfältig vorbereitet. Der Alkmene (mit dem Sopranglanz Traute Richters) war Herbert Brauers klangschön gesungener Jupiter ebenbürtig, während Erich Wittes Tenor den exorbitanten Anforderungen der Amphitryon-Partie nicht gewachsen war. R. B.