Kurioser Leidensweg eines Ruhmes: Der fünfunddreißig jährige Hermann Sudermann wird neben den dreißigjährigen Gerhart Hauptmann auf das Postament gestellt. „Hauptmann und Sudermann“ – in dieser Reihenfolge sind sie als Dioskurenpaar des naturalistischen Dramas in aller Munde. Fünfzehn Jahre später ein brüsker Umschwung. Alfred Kerr, auf angemessenere Würdigung Hauptmanns bedacht, hatte Sudermanns Stücke kritisch geröntgt und nur ein Skelett, ohne Blut und Nerven, gefunden – raffinierte Technik nach dem Verfahren des Boulevard-Theaters, herzlose Mache mit aufgeblähten Gefühlen, hohlen Bombast, Atavismus aus der (gottlob überwundenen) Plüschzeit, weder poetisch noch problematisch, ein klarer Fall von Reißer. Das schlug durch. Die Tantiemen blieben, der Respekt war fort. Und Sudermann litt. Denn er wußte nicht, womit er die Schande verdient hatte. Die Kritik hatte ihn, nicht er sich, überhoben. Er vermaß sich nie, Hauptmann ebenbürtig zu sein. Aber ein kalter Spekulant in Theater-Effekten? In diesem Licht dazustehn schmerzte ihn sehr. Als er, siebzigjährig, starb (1928), pries man sein erzählerisches Werk, das den Eintagsruhm seiner Dramen überleben werde.

Nun, sechs Jahre vor Sudermanns hundertstem Geburtstag, hat eine Bühne (das Hamburger Deutsche Schauspielhaus) es mit einem von ihnen, der „Schmetterlingsschlacht“, gewagt. Und siehe da, es gab ein Come-back. Man bewegte sich und sprach auf der Bühne mit jener Spieluhrpräzision, die die Franzosen haben, wenn sie Anouilh exerzieren. Man zeigte also das Skelett, das Figurenspiel. Eine überraschende Wirkung: es war, als erinnere sich der hundertjährige Supermann in dieser „pièce rose“ der muffigen, kleinbürgerlichen Welt seiner frühen Jahre und stellte sie mit einem milden Seufzer der Erleichterung als etwas dar, was er (mit uns) gottlob hinter sich gebracht hat. Die aufgeblähten Gefühle waren nicht (wie Kerr wähnte) die des Autors, sondern die seiner Geschöpfe – und das, weil er die Hohlheit des Kleinbürgerlichen durchschaute. Die wirklichen Gefühle aber läßt er die, die sie haben, in verschwiegener Gebärde äußern. Er war eben ein Szeniker, kein Literaturproduzent.

Veralten kann das nicht. Nur hat man damals in dem Sumpf gesteckt, aus dem Sudermanns Kopf und Herz herausragten. Und darum kann es heute so aussehen, als habe er schon mit unseren Augen gesehen. Das ist die List des Theaters, die auch die falsche Schande nicht lange leben läßt.

C. E. L.