K. P. R. München, im März

Noch hat der „Spiegel-Ausschuß“ des Bundestages den Monstrumbericht nicht zur Debatte gestellt, der als Ergebnis von 22 öffentlichen und fünf beratenden Sitzungen, von sechs kommissarischen Vernehmungen und zahllosen Zeugenaussagen die finanziellen Verstrickungen einzelner Abgeordneter der Bayernpartei Waren soll, und gleichzeitig ihre Methoden, einander zur Strecke zu bringen, beleuchten wird – da dringen Meldungen über eine neue Krise der Bayernpartei in die Öffentlichkeit. Dr. Jakob Fischbacher, ungekrönter König des Chiemgaus, aber im übrigen Bayern nur über einige schwache Filialen verfügend, Schüler Dr. Heims, aber als solcher zu Lebzeiten seines Lehrers nie über die hinteren Bänke hinausgelangt, Todfeind des großen Kanzlers, aber jederzeit bereit, seinen berühmten Spruen zu variieren (Wir Bayern fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!), flammender Ankläger, wenn ein bayerisches Dirndl seine Huld einem „Breißn“ schenkt oder umgekehrt sich ein heimischer Bursch in den Netzen einer nordischen Maid verfängt, Jakob Fischbacher also hat in den ersten Tagen des März den Kriegspfad gegen den Landesvorsitzenden Dr. Josef Baumgartner betreten: Jackl contra Pepperl, stellvertretender Landesvorsitzender gegen Seine Allmacht, den Landesvorsitzenden. Beide waren einst für den Priesterberuf bestimmt gewesen, verdienten sich ihre ersten politischen Sporen im Dienst des 1933 aufgelösten Christlichen Bauernvereins, überstanden das Dritte Reich ohne wesentliche Havarien und entfalteten dann ihr Banner als Retter des mehr als tausendjährigen Staates Bayern. Bei dieser Rettungsaktion haben sie sich dann entzweit. Fischbacher, der auch noch Vorsitzender des Kreisverbandes Oberbayern ist, im Jargon der Bayernpartei also Inhaber einer Hausmacht, verkündete in einer Kreisversammlung, die in aller Stille am 6. März stattfand, nicht ganz 95 Thesen; in der Hauptsache gegen Dr. Baumgartner, Die grimmigsten darunter lauten:

Das Gebahren von Dr. Baumgartner als Landesvorsitzender könne nicht mehr länger geduldet werden. Die Bayernpartei habe beim Tode Dr. Falkners (des Ende 1950 tödlich verunglückten Generalsekretärs) durch die Schuld Dr. Baumgartners 150 000 DM Schulden gehabt. Dr. Baumgartner beschäftige einen nahen Verwandten als Geldsammler. Was der beibringe, erhalte alles Dr. Baumgartner. Dr. Baumgartner hätte ihn, Dr. Fischbacher, verhungern lassen, für seine Arbeit hätte er von der Bayernpartei fast nichts erhalten. Er, Dr. Fischbacher, hätte nie etwas zu sagen gehabt, er allein sei immer für Sauberkeit gewesen, doch er habe sich nicht durchsetzen können.

Als Baumgartner von diesen Vorwürfen wenige Tage später Kenntnis erhielt, stürmte er ins Maximilianeum, den Sitz des Landtages, wo gerade ein Teil der BP-Fraktion in Tarockstimmung versammelt war. In Abwesenheit Fischbachers veranstaltete der Zürnende ein Scherbengericht. Am 12. März richtete er dann an Fischbacher einen Brief, von dem gleichzeitig die Mitglieder der Landesleitung Durchschläge erhielten.

Darin heißt es; „In der letzten Kreisversammlung in Oberbayern, zu der satzungswidrig die Mitglieder der Landesleitung nicht geladen waren, haben Sie nicht die angekündigte Tagesordnung durchgeführt, sondern vor 40 bis 50 Delegierten schwere Vorwürfe und sogar massive „Verleumdungen gegen ... Dr. Baumgartner vorgebracht. Kaum hat sich die BP aus ihrer Krise erholt, in die sie durch unsaubere Elemente geriet, droht ihr eine neue Gefahr, indem Sie als Kreisvorsitzender von Oberbayern und als stellvertretender Landesvorsitzender gegen führende Männer in deren Abwesenheit Vorwürfe erheben, die den Bestand der Partei gefährden.“ „Ich habe“, heißt es weiterhin, „der Bayernpartei zuliebe auf meinen Ministerposten verzichtet, ich werde Ihretwegen auch noch auf den Landesvorsitzenden verzichten, aber auf meine Ehre werde ich nicht verzichten. Ich behalte mir daher vor, Strafanzeige beim Staatsanwalt gegen Sie zu hinterlegen.“ Baumgartner berief auch gleich eine Sitzung der Landesleitung ein, mit dem Resultat, daß Fischbacher erklärte, diese Vorwürfe nie erhoben zu haben. Gegen Schluß der Sitzung wurden die Durchschläge des an Fischbacher gerichteten Briefes wieder eingesammelt, und Fischbacher erklärte einem Pressevertreter, die Partei sei einiger denn je!

Also ein Sturm im Wasserglas? Doch wohl kaum, wenn es auch eine Übertreibung wäre, in dem Vorgang den Beginn der längst erwarteten Zerfallswehen zu sehen. Verkehrt wäre es auch, in der finanziellen Misere, in der sich die Bayernpartei seit den Bundestagswahlen befindet, die alleinige Ursache des jüngsten Konflikts zu suchen, der noch lange nicht beendet ist. Vielmehr dürfte hier der Einfluß der „Bayerischen Volksaktion“ zu spüren sein, jener zunächst ominös berührenden Gründung, die gleich nach Bildung der Großen Koalition in Bayern erfolgte, und die das Ziel anstrebt, CSU und BP im christlichen Lager zu einigen. Für diesen Plan verrät der Kreisverband Niederbayern der Bayernpartei, der immer schon in einer gewissen Opposition zur Münchner Zentrale stand, starke Neigungen; denn er hat, ohne Beachtung anderslautender zentraler Weisungen, ein halbes Dutzend Delegierte in die „Bayerische Volksaktion entsandt. Wohl beginnt sich diese erst zu formieren, sie hat aber durch den Eintritt des Geistlichen Rats Natterer, der gleich Hundhammer den Vornamen Alois trägt, und der als Direktor des Bayerischen Klerusverbandes einflußreicher ist als mancher Bischof, bedeutend an Gewicht gewonnen.

Eigentlich besagt schon der Name „Bayerische Volksaktion“, daß diese noch manche „Aktion“, also manchen Krach und am laufenden Band Konflikte bei jenen auslösen wird, die sie einigen will.