Als der Kaiser Basilios I. von Byzanz an jenem Freitag zu Ehren der Jungfrau-Mutter sein Haupt, der heiligen Zeremonie gemäß, nicht mit dem Diadem, sondern mit der Lilienkrone umschließen ließ, da spürte er, als wäre sein Haupt über Nacht geschrumpft oder das Polster seiner grauen Locken lichter geworden, wie der Kopfschmuck tiefer in seine Stirne hineinsank. Die Stirn des Kosmokrators, stets wie ein Schild gegen die Pfeile der Ahnungen gerichtet, hob sich in einer jähen, unliturgischen Bewegung, und seine Augen blickten über die Köpfe der neun Engelchöre seines schweigenden Hofstaates fort, durch die porphyrenen Wände hindurch, bis dorthin, wo sie kein Ding dieser Welt mehr erblicken konnten. Die Anzeichen mehrten sich. Das Wunder von Blachernen war am Freitag der vorigen Woche nicht eingetreten: das Bild der Jungfrau hatte sich nicht entschleiert, wie lange auch das Volk und der Kaiser in seiner Mitte vor den Toren der Kirche in der Dunkelheit gewartet hatten, und das Volk war bestürzt; denn wenn die heiligen Engel nicht den Schleier lüfteten und das Blut unter den braunen Wangen der Jungfrau nicht leuchtend emporstieg, dann lag ein böser Schleier über der Stadt und dem Reich.

Die Eunuchen aber, die mit dem Pfauenwedel und die mit dem blanken Schwert, die nächsten im Ring um den Kosmokrator, sie sahen es auch: des Kaisers Augen blickten in der letzten Zeit wie unter einem Schleier hervor. Seine Rede, wenn sie beim Mahle oder beim Balltreiben vom Pferde herab oder auf der Jagd immer häufiger in den letzten Jahren über das „gekrönte Tier“ zu orakeln begann, war sie nicht siebenfach verschleiert? Bis in die schlüpfrigsten Gassen der goldenen Stadt – die Lauscher aus dem heiligen Palast hörten es täglich – war dieses Wort gedrungen: und die echsenhaft bewegliche Zunge des oberen und unteren Byzanz mahnte voll Spott

und Anerkennung zugleich mit dem „gekrönten Tier“ Basilios selber, den starken und schönen Kaiser. Basilios, Bauernsohn aus Mazedonien, lächelte über diesen Beinamen und schüttelte den Kopf. „Das Volk macht es sich leicht mit dem Namengeben. Wissen Wir doch selber nicht, wer das gekrönte Tier ist, nur das Eine wissen Wir: daß Wir es reiten werden. Doch wohin Wir reiten, das Ziel eures Basileus, kennt ihr es?“

Der Kaiser ließ an jenem Freitag sich die Lilienkrone wieder vom Haupt nehmen und an ihrer Statt das Diadem sich um die Schläfen schließen. Statt zum Bilde der Jungfrau-Mutter nach Blachernen, zog er mit seinem Gefolge auf sein Landgut. Der Kaiser wollte anderntags eine Parforcejagd reiten, so sagte er, und bereits mit Sonnenuntergang begab er sich in sein Gemach. Die blonden Waräger aber, die wie ein Bildwerk am Schlafgemach des Kaisers mit der geschulterten Doppelaxt standen, hörten seine langen, schweren Schritte noch um Mitternacht. Die Schritte des Kaisers umzirkelten in dieser Nacht seine Lagerstatt mit vielen Kreisen. Seine Lippen murmelten, bald im Tone ratlosen Fragens, das zum Gebete anschwoll, bald in prophetischem Deuten die eigenen Fragen erfüllend, murmelten zum hundertsten Male die gleichen Worte: „Ein gekröntes Tier wird dich zu einem Ziele tragen, das du nicht kennst.“

So hatte sein Taufpate gesprochen, der Totengräber des kleinen mazedonischen Dorfes, als man Basilios ins Wasser des Taufbeckens senkte. Die Worte des Alten hatte man als irrsinniges Geschwätz eines Totengräbers hingenommen und vergessen. Basilios war schon zwanzig Jahre alt und mit einer armen Bauerntochter verheiratet, da tat der nun uralte Totengräber von neuem den Mund auf, wies nach Osten und sagte Basilios ins Ohr: „Geh, geh weit, bis du in die Stadt der Städte kommst, geh so lange, bis du niederfällst. Man wird dich aufheben. Das gekrönte Tier aber wird dich zu einem Ziele tragen, das du nicht kennst.“ Mehr sagte der Totengräber nicht, er starb. Der junge Bauer aber, in seine schmutzigen Felle gehüllt, machte sich auf den weiten Weg.

Er kam in die Stadt Konstantins, sank in der Nähe der Goldenen Pforte nieder, am Tor des Sankt-Diomedes-Klosters, um aus seinem totenähnlichen Schlaf mit brokatenen Gewändern überdeckt aufzuwachen: der Abt des Klosters hatte Reichtum über den Schlafenden gebreitet, auf dessen Stirn er, aus Staub und Schweiß geformt, das Zeichen der Erwähltheit gelesen hatte. Alles, was ihm aufgetragen wurde, hielt Basilios für sein Ziel, das er noch nicht kannte. Er bezwang im Ringkampf den Riesen aus Bulgarien; er ritt dem Kaiser Michael ein Pferd zu, das für unbezähmbar galt wie der Sturm; er ließ sich von Frauen ganze Karawanen an Sklaven – und Geschenken in den Palast schicken; er wurde Stallmeister, Feldherr, Mitcäsar, Schwager des Kaisers; doch nun, allzunah am Thron, glaubte er das unbekannte Ziel zu kennen. Schließlich war das gekrönte Tier, auf welchem Basilios ritt, das Römische Reich, und der ehemalige Rossebändiger schrieb, wie einst Justinian, den Völkern seine Gesetze auf; der Athlet belehrte die Hände der Baumeister; der an der Straße aufgelesene Bettler füllte die Kassen von Byzanz mit dem Reichtum der halben Welt. Die Augen des neuen Kosmokrators aber nahmen von Jahr zu Jahr mehr den Ausdruck eines Menschen an, der, sich im Sattel reckend, bis an den Himmelsrand einer Ebene späht. Es war die Zeit, da er die Weissagung des Totengräbers zu Orakelsprüchen zerbröckelte. „Das gekrönte Tier“, so nannte ihn das Volk, er aber lächelte einsam über diese einfache Deutung.

In jener Nacht auf seinem Landgut dachte Basilios über die vielen anderen Deutungen nach, die ihm über das Tier und das Ziel von emsigen Hofleuten beigetragen worden waren: die tiefgründigen Deutungen der Theologen, die weisen der Philosophen, die schönziselierten der Rhetoren, die mit neuen Orakeln vollgetüftelten der Schwätzer an den unteren Säulen des Hippodroms, wo sich die Weiber von Byzanz Rat holten.