Es war aber einer, genannt Barabbas, gefangen mit den Aufrührerischen, die im Aufruhr einen Mord begangen hatten“ – das ist das einzige, was das Evangelium von jenem Manne berichtet, der an Christi Stelle von dem durch die Hohenpriester aufgewiegelten Volk zum Osterfest los gebeten wurde. Pär Lagerkvist, der Autor von „Barabbas“ (ein Buch der Arche bei der Nymphenburger Verlagshandlung, München, 224 S., meisterhaft übersetzt von Edzard Schaper), weiß sehr viel von der Lebensgeschichte des freigesprochenen Schuldigen, dessen Leidensweg von jenem Tag an beginnt, an welchem er Jesus an seiner Statt den Kreuzestod auf Golgatha erleiden sieht. „Barabbas“ – ein Buch, das in Schweden und anderen Ländern bereits einen so tiefen Eindruck hervorgerufen hat, daß sein Autor für den Nobelpreis 1951 vorgeschlagen wurde – gehört nicht in die Gattung jener „religiösen“ Romane unterschiedlicher Qualität, die das Geschehen der Passion wie einen weltlichen Kriminalfall für den modernen Leser lebendig zu machen versuchen. Es ist ein erdachter Bericht, der Zeugnis ablegt vom Leben und Leiden des Menschen Barabbas, abgefaßt in jenem typisch skandinavischen Erzählton, der durch seine nüchterne und lapidare Schlichtheit in hohem Maße echt und authentisch wirkt. Dieser Barabbas denkt und empfindet, wie ein Mann aus dem Volke zu jeder Zeit empfinden mag; historisierende Elemente sind vermieden bei der Darstellung seiner Gestalt. Und doch glauben wir uns inmitten der von sozialen und religiösen Spannungen zerrissenen Welt um die große Zeitenwende zu befinden, wenn wir den Weg des ehemaligen Räubers und Wegelageres verfolgen, der, gezeichnet von seinem Geschick, zum schweigsamen Einzelgänger wird, in römische Sklaverei gerät und schließlich, mehr aus einem dumpfen Erlösungsdrang als aus Berufung, das Martyrium der Gläubigen teilt.

Die Seelenlage des überlebenden Barabbas entspricht in ihrer Zwiespältigkeit in manchen wewesentlichen Zügen der Seelenlage unserer Zeit: Weder bei den Gläubigen noch in seiner alten Welt nimmt man ihn, den Gezeichneten, auf, und obgleich der Balsam der neuen Liebeslehre gleichsam wider Willen lindernd einwirkt auf sein verwildertes Gemüt, bleibt er sein Leben lang in der Einsamkeit der Ungläubigen, der Mißtrauischen, der Stumpfen befangen. Ist mit dieser Gestalt des Schuldigen, für den sich stellvertretend ein Unschuldiger geopfert hat, nicht jeder von uns ein wenig gemeint – jeder Überlebende der Katastrophen und des Massensterbens? Überall wird die Parabel durchsichtig, und doch bleibt die Fabel anschaulich und wirkt unmittelbar, ohne moralischen Fingerzeig. An manchen Stellen, so wenn die selbständig wirkende Macht des Gerüchts in jenen Anfangszeiten der heimlichen Überlieferung der neuen Lehre verdeutlicht wird, mischt sich etwas vom Ton der nordischen Sagas in den Bericht ein. Zwei Welten begegnen sich in Lagerkvists Buch, die des Urchristentums und die des „geschichtslosen“ skandinavischen Nordens mit seinen volkhaften Überlieferungen. Wer den evangelisch reinen Geist in dieser Barabbas-Chronik zu verspüren vermag, könnte glauben, daß in der Heimat Lagerkvists heute noch Nachfahren jener Fischer und einfachen Handwerksleute leben, die einst in Galiläa die neue Wahrheit verkündeten. Geno Hartlaub