Von Hildegard Schlüter

Mir ist es wie Tolstoj ergangen. Nach zwei Stunden Esperanto-Unterricht schien es mir ein Leichtes, mit Wörterbuch und Grammatik bewaffnet, mich bereits an Übersetzungen heranzuwagen. Ich führte den Versuch nur nicht durch. Tolstoj aber tat es und berichtete darüber an den Erfinder dieser erst vierundsechzig Jahre alten Sprache, den russischen Arzt Dr. Zamenhof. Seit einem Jahr steht sein Denkmal in dem deutschen Badestädtchen Nauheim und bekundet, daß sich die deutschen Esperantisten in sechs Nachkriegsjahren von der stillschweigenden Unterdrückung wieder erholt haben. Ob es zur Zeit, da Tolstoj den Brief schrieb, schon so eingefleischte Esperantisten gab wie heute, weiß ich nicht. Jetzt ist es jedenfalls so, daß den sechs Millionen in vierzig Ländern der Erde, die nachweislich Esperanto sprechen, diese Sprache mehr ist als eben nur eine Sprache. Wenn der Beigeschmack nicht wäre, sollte man sagen, Esperanto ist eine Weltanschauung. Nicht etwa, weil das grüne Abzeichen der eingetragenen Mitglieder aussieht wie der fünfzackige Sowjetstern (die beiden Sterne haben aber nichts miteinander zu tun), sondern weil der Esperantist eine Überzeugung hat.

Der Esperantist, der mich in die Anfangsgründe einweihte, ist seit über zwanzig Jahren überzeugt. Er macht kein Hehl daraus. Im Gegenteil: „Wenn Sie von der Zeitung sind, dann schreiben Sie es doch mal, daß alle paneuropäischen, alle Versuche einer Weltregierung auf tönernen Füßen stehen, solange wir uns über die Grenzen hinweg nicht wenigstens auf simple Weise verständlich machen können. Esperanto muß die Weltsprache der Zukunft werden, wenn wir einen dauerhaften Frieden haben wollen.“ Er lebt danach, in seiner Notwohnung, mit seiner Frau, die dänische Esperantistin ist, und seiner siebenjährigen Tochter, die nacheinander ihrem kleinen Bruder aus Walt-Disney-Büchern in Dänisch, aus der Bibel in Esperanto und aus der Schulfibel in Deutsch vorliest,

Mein Lehrmeister hat mir einen Sonderdruck der vom Deutschen Esperanto-Bund in München herausgegebenen Zeitschrift „La Ponto“ (Die Brücke) in die Hand gedrückt. Daraus könnte ich alles Wissenswerte über Esperanto entnehmen, meinte er. „Wasserstoffbomben veraltet“ steht groß auf der Titelseite. Danach kommt ein Komma, weil es in kleiner Schrift ganz unten auf der Seite weiterheißt: „denn die Völker der ganzen Welt können sich von Mensch zu Mensch verständigen ... und so ihrem Untergang entgehen. Lesen Sie:“ Und ich las, daß schon Descartes und Leibniz für eine Universalsprache plädierten, daß Nietzsche sie voraussah und Romain Rolland wollte, daß alles geschehe, „damit Esperanto die Menschheitssprache wird“, Ich las auch, daß Esperanto das Latein der Demokratie sei, außerdem die leichteste Sprache der Welt, weil seine Grammatik nur sechzehn Regeln und keine Ausnahme kennt. Und ich erfuhr, daß Sprachkenner dem Esperanto die Kraft des Englischen, die Genauigkeit des Französischen, die Gedankentiefe des Deutschen und den Wohlklang des Italienischen zubilligen,

Ich will nicht verheimlichen, daß mir während der ersten Unterrichtsstunden die Erinnerung an die Be-Be-Sprache der Kinderzeit aufstieg. Wenn die Erwachsenen uns nicht verstehen sollten, wandten wir diesen Geheimjargon an, der sich bei nur geringer Kenntnis so leicht in seine Bestandteile auflösen ließ. Als ich lernte, daß knabino das Mädchen heißt, bonan apetiton, fraulino, Guten Appetit, mein Fräulein und dekstre de la apoteko logas bakisto rechts neben der Apotheke wohnt ein Bäcker bedeutet, da war ich willens, Esperanto nicht ernst zu nehmen. Vielleicht war mein englischer, französischer und lateinischer Sprachschatz daran schuld (vom deutschen ganz zu schweigen), den ich in vereinfachter Form wiederfand, oder das logisch durchdachte, in seiner Handhabung den lebenden Sprachen gegenüber viel zu „leicht“ wirkende System der Vor- und Nachsilben. Als ich dann aber im Chorus bald das Lönslied von der Lüneburger Heide in Esperanto mitschmettern konnte, fing ich an, diese Sprache mit einer Art von sportlichem Ehrgeiz zu betreiben.

Es wird jedoch schwer halten, Esperanto als lebendige Sprache zu empfinden. Es fehlt diesem gut erdachten Kunstgebilde das seelische Fundament, die geistige Fülle. Den Kindern, die in der Schule Esperanto als erste Fremdsprache lernen, wird dieser Mangel nicht bewußt werden (in Deutschland lehren es fakultativ immerhin schon 120 Schulen). Darum auch versicherte man mir immer wieder, es müsse das Ziel sein, Esperanto in die Schulen zu bringen. Als ermunterndes Beispiel nannte man einen kleinen Ort in England, wo von einem bestimmten Zeitpunkt ab alle Volksschulen Esperanto lehrten. Da die Eltern nicht mehr verstanden, worüber sich ihre Kinder unterhielten, lernten sie ebenfalls Esperanto. Da in den Satzungen der Esperanto-Vereinigungen bestimmt ist, daß Mitglied nur werden kann, wer „den festen Willen zeigt, die Verbreitung des Esperanto zu fördern“, werden aus den sechs Millionen sicherlich einmal zehn und auch zwanzig wenden. Die Esperantisten Westdeutschlands bemühen sich jedenfalls redlich, den Zeitverlust der Vorkriegsjahre aufzuholen. In Hamburg und vor allem München wird an der Universität Esperanto doziert, und seit Bundesbahn und Polizei Esperanto-Kurse durchführen, besteht kein Zweifel, daß im Sommer die Teilnehmer am Weltkongreß der Esperantisten in München schon unterwegs die gewünschten Auskünfte in vertrauten Lauten erhalten werden. Solange indessen der Präsident der französischen Republik, Vincent Auriol, Englisch statt Esperanto lernt, bevor er zum offiziellen Staatsbesuch nach den USA reist, steht in meinem Esperanto-Lehrbuch zu recht: „Kial la diplomatoj en la internaciaj kongresoj ne uzas Esperanton? Kiam oni legas la raportojn pri iliaj lingvaj malfacilajoj, oni povus ridi, se ne estus plorinde.“ Was soviel heißt, wie: Warum benutzen die Diplomaten Esperanto nicht in den internationalen Kongressen?