„...unter Pontius Pilatus gekreuzigt“, mit diesen Worten aus dem christlichen Glaubensbekenntnis ist der römische Statthalter von Judäa in die Weltgeschichte eingegangen als ein Richter gegen Recht und Wahrheit, der Jesus von Nazareth ans Kreuz schlagen ließ. Dieser Römer hat vor fast zwei Jahrtausenden die ganze Tragik aller Gouverneure zwischen Macht und Recht, aller Unentschlossenen zwischen Welt- und Gottesreich durchkostet und sich wegen seiner selbstsüchtigen Motive mit ewiger Schuld beladen. Deshalb ist es nie ganz still um ihn geworden.

Wer war Pilatus? Die Evangelien betrachten ihn als weichen Skeptiker, der sich treiben ließ. Die jüdischen Schriftsteller Philo und Josephus schildern ihn als unbeugsamen, rücksichtslosen, jähzornigen Soldaten, der nur an die Macht glaubt, an seine Karriere denkt und deshalb Verbrechen begeht, Hinrichtungen ohne Urteilsspruch vollziehen läßt und bestechlich ist. Frank Morrison hat in einer sorgfältigen Untersuchung „Wer wälzte den Stein?“ (Christian Wegner Verlag, Hamburg) diese beiden Charakterbilder, den Tyrannen der weltlichen Geschichtsschreibung und den Zauderer der Evangelien, vereinigt.

Pilatus war als Sohn einer römischen Soldatenfamilie in Spanien geboren, hatte unter Germanicus am Rhein gedient und war mit Claudia Procula, einer unehelichen Tochter der Claudia, der dritten Frau des Kaisers Tiberius, also einer Enkelin des Kaisers Augustus, verheiratet. Trotz dieser engen Verbindung zum regierenden Kaiserhaus war seine Stellung in Rom erschüttert, weil er es in den sieben Jahren seiner Statthalterschaft in Judäa zu mehreren stürmischen Vorfällen kommen ließ, die mit der Tradition der schmiegsamen römischen Kolonialpolitik nicht zu vereinbaren waren. Der Emporkömmlich Pilatus hatte sich immer als roher, eigensinniger Machtpolitiker gezeigt, der nichts von dem Takt und dem Weitblick des Augustus an sich hatte.

Alle Anzeichen sprechen dafür, daß der Statthalter am Abend vor dem Urteilsspruch, während Jesus noch in Gethsemane um den Kelch des Opfertodes rang, dem jüdischen Hohenpriester Kaiphas den Justizmord am folgenden Tag bereits zugestand, d. h. den Urteilsspruch ohne Verhandlung nur auf Grund der jüdischen Anklage. Der vorläufige Friede mit den Juden schien ihm dieses Opfer wert zu sein. Die entscheidende Wandlung in der Behandlung dieses „Falles“ am nächsten Morgen aber vollzog sich in Pilatus, als er bei Beginn der Gerichtssitzung von seiner Frau Claudia die dringende Mahnung erhielt: „Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute nacht im Traum seinetwegen viel erlitten.“ Da zögert Pilatus plötzlich und ist bereit, die Anklage zu untersuchen. Hohepriester und Hoher Rat werden verärgert, das Volk ist aufgewiegelt und unruhig. Pilatus begibt zu lavieren. Er versucht vergeblich die Angelegenheit an seinen Kollegen Herodes von Galiläa als den Zuständigen abzuschieben. Unter dem starken Eindruck der Persönlichkeit Jesu während der Vernehmung macht er immer neue Versuche, diesen zu retten; aber er kommt mit seinen Halbheiten nicht um eine klare Entscheidung herum. Selbst als er Barabbas, den Mörder, für Jesus eintauschen will. Alle Diplomatie, alle Blasiertheit („Was ist Wahrheit“) und aller Appell an das Mitleid („Seht, welch ein Mensch“) kennen ihn nicht aus der schiefen Lage retten, in die er sich durch Komplott und Diktatur, durch Schwäche und Unklarheit gebracht hat. Er muß das Todesurteil sprechen. Denn stärker als Claudias Warnung ist die Drohung der Priester mit Intervention in Rom: „Läßt du diesen los, bist du des Kaisers Freund nicht mehr.“ Die Karriere steht auf dem Spiel.

Vergeblich bringt er dieses Opfer, denn wenige Stunden danach entfacht sich der alte Gegensatz von neuem, als die Juden eine Änderung der Inschrift über dem Kreuz verlangen und Pilatus die herrische Antwort gibt: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“

Starrheit und Schwäche, Schuld und Schicksal haben einen unlöslichen Bund geflochten. Abberufung und Verbannung waren drei Jahre danach das Ende des Emporkömmlings Pilatus.

Bruno Lentz