F. New York, im März

Angesichts der gegenwärtigen Gangsterskandale in Amerika liegt die Frage nahe, was aus all den Verbrechern geworden ist, die in den zwanziger Jahren als Bootlegger (Alkoholschmuggler) und als die großen „Chefs“ der Prostitution die Schlagzeilen der Presse und die spannenden Stories amerikanischer Verbrecherfilme lieferten? Dillinger wurde erschossen, Al Capone starb, nachdem er eine Anzahl von Jahren wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis verbracht hatte. Die weniger berühmten Banditen aber sind immer noch da. Nach der Aufhebung des Alkoholverbotes und der Erlassung eines Gesetzes gegen die Prostitution mußten sie sich nach neuen Erwerbsquellen umsehen. Sie haben sich in Gambler (Spieler) verwandelt, und sie sind nicht schlecht dabei gefahren.

Zwei große Banden beherrschen heute in den USA das illegale Wettgeschäft mit allem, was dazugehört; mit Terror, Bestechung, Mord – und mit Umsätzen von 20 Milliarden Dollar im Jahr. Die eine ist das „Capone-Syndikat“ unter der Führung von alten Capone-Gangstern wie Tony Accardo, den Brüdern Fischetti und Jake Guzik. Die andere Bande ist das „Costello-Syndikat“, geführt von Frank Costello und Joe Adonis. Ihr Reichtum, ihre Macht und ihr Ansehen sind größer als je. Die meisten Bandenchefs haben es verstanden, mit den auf allerlei ungesetzliche Weise verdienten Millionen langsam in die legale Wirtschaft einzusteigen, Fabriken und seriöse Unternehmungen zu gründen. Dies einmal, um eine Erklärung für den Luxus bereit zu haben, den sie mit ihren Rieseneinkommen treiben, zum andern, um reputable zu werden – die stille Sehnsucht jedes Gangsters. Sie geben eifrig große Spenden für wohltätige Zwecke, nehmen am Gesellschaftsleben ihrer bürgerlichen Nachbarn teil, geben sogar Steuererklärungen ab, die, allerdings meist recht zweifelhaft sind; so zum Beispiel, wenn Tony Accardo als „verschiedene kleine Einnahmen“ 60 000 Dollar (250 000 DM) angibt.

Dies sind nicht Phantasien sensationslüsterner amerikanischer Reporter, sondern das alles steht in dürren Worten in einem Zwischenbericht, den der Senatsausschuß zur Untersuchung von Verbrechen vor einigen Tagen der Öffentlichkeit übergeben hat. Ausgehend von einem Verfahren wegen Steuerhinterziehung und wegen Spiel- und Wettvergehens gegen den Spielbank-Boß Frank Costello, der genug Humor hat, in der New York Times zu „berichtigen“, daß er nur ein einziges Mal wegen unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt, obwohl oftmals verhaftet war, hat der Senat diesen Ausschuß vor zehn Monaten zu einer gründlichen Untersuchung eingesetzt. Die Ergebnisse waren in der Tat alarmierend. Nach dem Bericht des Ausschusses besteht eine „Untergrundregierung, die ihre eigenen Gesetze erzwingt, die ihre eigenen Exekutionen ausführt“. Die gemeinsame Spitze der beiden erwähnten Gangsterorganisationen liegt in der Hand von Charles (Lucky) Luciano, der nach Ausweisung aus den USA jetzt in Italien lebt. Einige Zeugen des Senatsausschusses berichteten über Konferenzen mit Luciano in Havanna und in Sizilien. Die Maffia, eine sizilianische Organisation, unterhält eine Filiale in den Vereinigten Staaten, die dort unter einer zentralen Führung operiert.

Die Untersuchung, die der Ausschuß in einer großen Zahl amerikanischer Städte durchgeführt hat, zeigte, daß überall Vertreter der beiden Syndikate tätig sind, wenngleich die Hauptzentren in New York, Chikago, Saragota, Philadelphia, Cleveland, Detroit, New Orleans, St. Louis und Miami liegen. „Diese Individuen zögern nicht, Mord, Sprengstoff und andere Arten von Gewalttätigkeit zu benutzen, um Konkurrenten zu beseitigen und Verräter zum Schweigen zu bringen ... Bestechung und andere Formen der Korruption, um die Behörden, denen die Durchführung der Staatsgesetze obliegt, zur Nichteinmischung zu bewegen, sind gebräuchlich – Sie unterhalten lukrative Beziehungen mit gleichgesinnten Verbrechergruppen in anderen Städten und Gegenden und verwenden die Gewinne dieser gesetzwidrigen Tätigkeiten, um in das legitime Geschäft zu infiltrieren, wobei sie die Methoden ihrer verbrecherischen Aktivitäten mitbringen, nämlich Monopolbildung, die durch Einschüchterung und Gewalttat durchgesetzt wird.“

Die Basis dieser Banden ist die Kultivierung des Wettens und Spielens, das in manchen Staaten gänzlich, in manchen zum Teil verboten ist. Dabei spielen die Pferderennen eine ebenso große Rolle wie die Spielbanken, ja die Aufstellung von Spielautomaten. Ein engmaschiger Nachrichtendienst, der besonders die Sportergebnisse meldet, aber auch die Kurse der Wetten beeinflußt, befindet sich in den Händen der Gangster, in erster Linie der „Continental Press Service“. Die Continental verstand es, sich einer kleineren Agentur „S & G Syndikat“ zu bemächtigen, die, immerhin mit einem Jahresumsatz von 16 Millionen Dollar (110 Millionen DM), das gleiche Geschäft betrieb. Der frühere Besitzer, John Ragen, erklärte der Polizei 1946, daß, falls er umgebracht werden sollte, seine Mörder Tony Accardo, Jake Guzik und Murray Humphreys sein würden. Ragen wurde in Chikago niedergeschossen und, als er Anzeichen der Erholung zeigte, im Krankenhaus vergiftet. „Nach seinem Tode“, heißt es im Bericht des Senatsausschusses, „übernahm die (Capone-) Bande sein Geschäft.“

Wahrscheinlich wäre manches nicht so leicht für die Gangs, genössen sie nicht bei manchen Behörden eine entschiedene Protektion. Der Ausschuß ist dieser Frage keineswegs ausgewichen. Er stellt fest, daß er fast überall, „mit seltenen Ausnahmen“, Beweise der Korruption bei den Behörden gefunden hat, wobei sich Sheriffs und Polizeibeamte an dem Geschäft beteiligt oder Bezahlung dafür angenommen haben, daß sie die Tätigkeit der Banden ungestört ließen. In Philadelphia kamen beim Polizeihauptmann Vincent Elwell monatlich 150 000 Dollar ein, 3000 bis 4000 Dollar von jeder der 38 Polizeistationen der Stadt. Der Sheriff James Sullivan von Dade County (Miami) vergrößerte sein Konto in sechs Jahren von 2500 auf 75 000 Dollar, bei einem Gehalt von 4500 bis 6000 Dollar im Jahr... In Los Angeles waren zumindest ein halbes Dutzend Polizeibeamte bei der Guarantee Finance Co. verschuldet, einer großen Buchmacherorganisation. Der Stadtkommissar für das Polizeidepartment von Ost-St. Louis, John Englisch, war in der Lage, sich ein Sommerhaus für 100 000 Dollar zu kaufen. Sogar in die oberste Etage der Politik reichten die Beziehungen der Banden. 1948 empfing der Wahlfonds des Gouverneurs Fuller Warren von Florida 100 000 Dollar vom Capone-Gangster William H. Johnston, ebenso erhielt der Gouverneur von Missouri, Forrest Smith, von den Syndikaten Geld zur Wahlkampagne. „Der einzige Zweck“ (dieser Beiträge) kann nach Auffassung des Ausschusses „... die Erwartung sein, daß dafür eine Gegenleistung erfolgen werde.“

Die Aufzählung solcher Vorgänge ließe sich, nach dem offiziellen Bericht, noch lange fortsetzen. Sie aufgedeckt zu haben, ist das Verdienst eines Mannes, den man, angesichts der Gewalttätigkeit der Gangster, den mutigsten Mann der USA genannt hat, nämlich des demokratischen Senators von Tennessee, Estes Kefauer. Kefauer ist der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses und führt die Untersuchung meist persönlich. Er hat die gleiche Unerschrockenheit. gegenüber den Banden wie auch gegenüber seinen Parteifreunden gezeigt, die er, wenn nötig, rücksichtslos der Öffentlichkeit preisgab. Man erinnert sich, daß schon einmal ein Mann durch seinen Kampf gegen die Gangster eine große politische Karriere gemacht hat: der heutige Gouverneur von New York und Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Dewey, der vor 20 Jahren als Staatsanwalt einen unerbittlichen Krieg gegen Verbrecher und ihre Protektoren führte. Es ist möglich, daß sich der erst 47jährige Senator Kefauer jetzt einen ebenso großen Namen macht wie damals Dewey.