Zu Beginn des Erntejahres 1950/51, also am 1. Juli 1950, verfügte die Bundesrepublik über eine Brotgetreide-Reserve von 500 000 c. Man war in Bonn der Auffassung, daß bei der zu erwartenden guten Eigenernte und auf Grund der handelsvertraglichen Lieferungen – zuzüglich unserer Quote im Internationalen Weizenabkommen – Schwierigkeiten in der Brotgetreideversorgung unmöglich auftreten könn en. Unter dem Eindruck der hohen Bestände der Bundesreserve wurde verabsäumt, rechtzeitig die notwendigen Anschluß-Importe durchzuführen, die als Reserve für etwa drei Monate zur Verfügung stehen mußten. Die Diskussion darüber, ob die Subventionen eingestellt oder fortgeführt werden sollten, war zu diesem Zeitpunkt besonders heftig. Sie machte es der privaten Initiative mehr und mehr unmöglich, Kontrakte abzuschließen oder abzuwickeln. Erst nachdem sich das Kabinett dahin entschieden hatte, daß die Subventionen weiterlaufen sollten, begann man sich auf dem Weltmarkt nach entsprechenden Brotgetreidemengen .umzusehen. Inzwischen war die Bundesreserve aufgebraucht.

Die Entwicklung seit Korea hat nun bewirkt, daß die Preise am Weltmarkt anzogen; der Subventionsbedarf von 350 Mill. DM, nach den Preisen des IWA-Abkommens berechnet, schnellte sprunghaft um mehr als 150 Mill. DM in die Höhe. Als weitere Auswirkung von Korea wurde der Weltmarkt an Brotgetreide knapp, ohne daß eigentlich echter Mangel bestünde. In Anlehnung an die amerikanische Vorratspolitik nämlich versuchten die großen Importländer sich reichlich mit Brotgetreide, zum Aufbau eigener Reserven, einzudecken. Damit wurde es für Westdeutschland von Tag zu Tag schwieriger, die erforderlichen Mengen reibungslos und zu vertretbaren Preisen einzukaufen. Die Einfuhren hielten sich dementsprechend in relativ engen Grenzen. Wenn wir noch zu Beginn des Jahres 1951 hoffen konnten, daß zumindest die Lieferungen aus dem Weizenpakt reibungslos erfolgen würden, so erwies sich auch diese Hoffnung nach dem plötzlichen Stop der Weizenpakt-Verkäufe durch die USA als trügerisch. Wir haben rein rechnerisch noch etwa 800 000 t im Laufe dieses Wirtschaftsjahres aus dem Weizenpakt zu erwarten. Nach Aussage amerikanischer Dienststellen der Hochkommission werden jedoch die letzten Lieferungen kaum vor September dieses Jahres greifbar sein, weil erst jetzt die Subventionierung für IWA-Weizen in den USA fortgesetzt wird. Die Versorgung für die letzten drei Monate des Wirtschaftsjahres, die in üblicher Weise zu drei Vierteln aus Importgetreide bestritten werden muß, erscheint somit gefährdet.

Der Entwicklung des Weltmarktes ist der innerdeutsche Markt gefolgt. Die Getreidepreisanordnung 1949/50 über die Regelung der Getreidepreise für das Wirtschaftsjahr 1950/51 erfolgte erst Ende September, während bis zu diesem Zeitpunkt ein gesetzloser Zustand zu verzeichnen war, bei dem die Marktpreise zeitweilig eine Ebene erreicht hatten, die von der durch das verspätet erfolgende Gesetz bereits erheblich abwich. Schon im Oktober 1950 war zu erkennen, daß die Marktleistung der Landwirtschaft erheblich zu wünschen übrig ließ. Die geringe Versogung mit Furttergeteide undFutter mitteln und die ständig steinenden Schweinebestände führten „zwangsläufig“ erhebliche Mengen an Roggen in den Futtertrog. Die Zurückhaltung der Landwirtschaft wurde dabei fast ausschließlich durch die Festlegung der Brotgetreidepreise bestimmt, die eben durchaus nicht mit dem Futtergetreidepreis in Übereinstimmung zu bringen war. Einem Brotgetreidepreis von 320 DM für Weizen und 280 DM für Roggen stand schon zu diesem Zeitpunkt ein Futtergetreidepreis von 460 DM gegenüber! Gerüchte um eine bevorstehende Erhöhung der Getreidepreise taten ein übriges, um die Zurückhaltung der Landwirtschaft noch zu verstärken. Diesen Gerüchten trat Staatssekretär Sonnemann mit seiner „Brief-und-Siegel“-Erklärung auf dem Getreidehandelstag in Hannover entgegen, ohne allerdings zum Ausdruck zu bringen, mit welchen Mitteln die Regierung beabsichtigte, die Festpreise der Anordnung 59 durchzuhalten, d. h. Futtergetreide für die Landwirtschaft so zu verbilligen, daß ein effektiver Anreiz zur Ablieferung von Brotgetreide gegeben war. Die Milocorn-Aktionen, die Milocora für 26 DM der Landwirtschaft zur Verfügung stellten und der Erfassung von 500 000 t Roggen – so jedenfalls war es der Wunsch der Regierung – dienen sollten, brachten nicht die gewünschte Belebung: die Ablieferungsergebnisse haben sich nur unwesentlich verbessert.

Bei der Planung für das Wirtschaftsjahr 1950/51 war man in Bonn von einer Ablieferungsleistung der Landwirtschaft von etwa 2,6 Mill. t Brotgetreide ausgegangen. Inzwischen wurde diese Erwartung auf 2 Mill. t reduziert. Bis zum 31 Januar waren nach amtlicher Statistik etwa 1,65 Mill. t Brotgetreide abgeliefert, etwa je zur Hälfte Roggen und Weizen. Der Monat Februar hat schätzungsweise noch 100 000 t Brotgetreide dem Markt zugeführt; man erwartet, daß jetzt etwa 150 000 t bis zum Abschluß des laufenden Wirtschaftsjahres aus der Landwirtschaft herauskommen, so daß die Gesamtablieferungsleistung etwa 1,9 Mill. t betragen würde.

Die Notwendigkeit, alle noch vorhandenen Bestände in der Landwirtschaft für die Versorgung zu erfassen, hat zu der Regierungsverlautbarung über die Erhöhung der Getreidepreise geführt. Adenauer appellierte gleichzeitig an Landwirtschaft, Handel, Genossenschaften und Verarbeitungsindustrie, unter Darstellung des Ernstes der Lage, alle Kräfte für die Erfassung der inländischen Ernte einzusetzen. Die rechtliche Basis für die neuen Getreidepreise ist inzwischen gegeben. Sie entspricht allerdings nicht dem Niveau, das der Markt seit Februar erreicht hat, und man hat erhebliche Zweifel, ob diese Erhöhung der Getreidepreise den notwendigen Erfolg haben wird. Die Angaben über die effektiv noch in der Landwirtschaft vorhandenen Bestände sind dabei recht unterschiedlich. Während die amtliche Statistik etwa 2 Mill. t angibt, geht die Praxis davon aus, daß die vorhandenen Bestände gerade ausreichend seien, um den Eigenbedarf zu decken. Beobachtungen in der Landwirtschaft haben jedenfalls gezeigt, daß doch wesentlich mehr Brotgetreide bereits in den Futtertrog gewandert ist, als bisher allgemein angenommen wurde.

Die Bemühungen, den Anschluß an die neue Ernte zu erreichen, haben auch von der Einfuhrseite her nicht nachgelassen. Zur Zeit hält sich Ministerialdirektor Dr. Häfner in Washington auf, um eine schnellere Abwicklung der Lieferungen im Rahmen des ECA-Programms durchzusehen. Der Erfolg bleibt abzuwarten. Darüberhinaus hat Adenauer 67 000 t Mehl in den USA kaufen lassen und sich für weitere Kontrakte interessiert. Die übrigen Länder des Weltmarktes zeigen sich im Augenblick als wenig ergi big. Selbst die Handelsvertragsländer sind mit ihren Lieferungen sehr zurückhaltend, und man hat den Eincruck, daß auch die Regierungen einzelner Länder in Erwartung einer weiteren Aufwärtsentwicklung der Weltmarktpreise mit Ware zurückhalten.

Wenn man unterstellt, daß aus der Eigenerzeugung einschließlich der Bundesreserve ab 1. Februar noch 635 000 t zur Verfügung stehen, und daß der Bedarf für Februar und März aus Beständen des Handels und der Verarbeitungsindustrie gedeckt werden kann, fehlen immerhin (bei einem Bedarf von 1,2 Mill. t) für die letzten drei Monate des Wirtschaftsjahres 600 000 t Brotgetreide. Wenn es nicht gelingt, diese Mengen reibungslos zu verschiffen, dürfte zumindest für die Monate Mai und Juni ein Engpaß zu verzeichnen sein.