Zum Essen gehört Zeit. Deshalb sind Festtage so beliebt. Ostern, das Hauptfest des russischen Kirchenjahres, bot besonders reichliche Abwechslungen. Eine längere Vorbereitung ging dem österlichen Schmausen voraus. Am Ende der Fastenzeit, um Mitternacht des Karsamstages fand dann der feierliche Gottesdienst zur Feier der Auferstehung statt. Alles umarmt und küßt sich. Jeder jeden dreimal. „Christus ist auferstanden“, rechte Backe, linke Backe, „er ist in Wahrheit auferstanden“, rechte Backe. Zu Hause wartet der Ostertisch auf die Hungrigen. Kulitsch, die hohen Osterkuchen und der süße Osterkäse, Pascha, sind in der Kirche geweiht worden. Aber welche Mengen von kalten Gerichten gibt es nicht außer ihnen! Vier Tage gibt es keine Tischzeiten, vier Tage kann jeder wann es ihm beliebt und so oft er Lust hat, an den gedeckten Tisch treten und sich ihm Zusagendes aus der Fülle des Gebotenen aussuchen. Außer warmer Bouillon gibt es nur kalte Gerichte. Riesige Berge aus feuchtem Salz, von oben bis unten mit unzähligen bunten glänzenden Eiern besteckt, sind aufgebaut, kalte Braten und rohe geräucherte, gekochte und in Brotteig gebackene Schinken stehen da. Die Haut ist sauber zurückgeschlagen und mit Nelken angesteckt. Kuchen und Pasteten in allen Arten und Formen. Dazu vielerlei Sorten Schnaps, vom klaren fast geschmacklosen Wodka über selbstbereitete Fruchtschnäpse, süß wie eine süße Frucht und mit 75° recht scharf, bis zu dem berühmten Allasch. Immer wieder füllen sich die Lücken, die Hunger und Durst schlagen, Neue Eier, neue Braten, neue Schnäpse. Und alles in einer Fülle knallroter Papierblumen.

Die Beschreibung der russischen Festtagsküche ließe sich beliebig fortsetzen. Aber der Leser würde ermüden wie Pavel Iwanowitsch Tschitschikow, der Held von Gogols „Die toten Seelen“, der durch eine dünne Wand seinen Gastgeber mit dem Koch sprechen hört: „Du bereitest also eine viereckige Kohlpastete“, sagte der, indem er mit der Zunge schnalzte und kräftig die Luft einzog. „In die eine Ecke tust du die Backen und die Rückensehnen vom Stör; in die andere gibst du Buchweizengrütze und Pilze und Zwiebel, etwas süße Fischmilch, Hirn und sonst noch dies und jenes. Du weißt schon selber was. Und daß sie auf der einen Seite schön braun gebacken ist, hörst du, auf der anderen dagegen kann sie etwas weniger dunkel sein. Paß ordentlich auf die Füllung auf! Laß alles so lange im Ofen, bis sie ganz durchgeschmort ist, aber daß sie um Gottes willen nicht auseinanderfällt, sondern auf der Zunge schmilzt, weißt du, wie Schnee zergeht, daß man es selber kaum merkt... und dann putzt du mir den Stör schön auf mit Sternchen aus roten Rüben, mit Stinten und kleinen Pfifferlingen und nimmst auch Karöttchen ... und dies und jenes, du weißt schon selber was. Den Schweinemagen füllst du mit Eis, damit er ordentlich aufgeht ... Und brat und back nur alles tüchtig durch und laß es im Ofen gehörig schmoren.“ Erst als sie von einem Truthahn zu sprechen beginnen, schläft Tschitschikow ein.

Seit Gogols Zeiten hat sich manches geändert. F.