Eine der bemerkenswertesten Erscheinungen der jungen deutschen Nachkriegsliteratur findet man in den zahlreichen kritischen Übersichten nicht verzeichnet, obwohl das Buch schon seit 1948 vorliegt: Ute Aiblingers Roman „Die größere Hoffnung“ (Hermann – Fischer – Verlag, 400 S., DM 9,50). Diese Dichtung wiegt aber Dutzende von anderen Versuchen auf, die Situation der Verfolgten während des letzten Krieges darzustellen. Sie heftet sich nicht kleinlich an die tatsächlichen Hergänge oder bildet aus ihnen ein bloßes Konterfei des Geschehenen, sondern bewegt sich von vornherein in der Dimension, wo die Tatsachen ihre Realität einbüßen und sich, visionär gedeutet, zu einer Welt von Sinnbildern zusammenfügen. Die jetzt etwa dreißigjährige österreichische Erzählerin verwebt surrealistische Elemente mit solchen der psychologischen, Selbstbeobachtung und entwickelt einen ganz ungewöhnlichen Sinn für die Durchsichtigkeit auch so krasser Vorgänge wie Deportation, Luftbombardement, Flucht, Belagerung und Verwundung. Mit großer Kühnheit hebt sie den Gedanken, daß „denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen“, gerade an den Schicksalen derer heraus, die in jenen Jahren das Schlimmste erfuhren: den „Kindern mit den falschen Großeltern“. Über all diesen Ärmsten steht die „größere Hoffnung“, daß ihr Leiden und Sterben ihnen die Bürgschaft gibt, die ihnen kein anderer leisten kann: die Bürgschaft für ihr Dasein im Zusammenklang mit dem unerforschlichen Plan der Welt. Die kleine Ellen, ein „Mischling“, mit doppelter Tragik belastet, läuten sich auf den Stationen dieses bitteren Weges und vollendet sich in einem Tode, dem sie entgegengelebt hat, als eine weltliche Heilige. I. H.