II. Tunis: Armut, Kolonisation und fremde Agenten

Von Joachim v. Kürenberg

Frankreich hat alle Nachrichtenverbindungen von Französisch-Nordafrika zur Außenwelt durchschnitten. Französische Artillerie bombardiert marokkanische Städte und Moscheen. So künden es heute Tag für Tag die Zeitungen in Kairo, dem Sitz der Arabischen Liga. „Niemals zuvor ist es je so ruhig in Marokko gewesen wie heute“, erklärte der französische Generalresident für Marokko, General Juin, in Paris. Was ist die Wahrheit? „Die Zeit“ hat in der vergangenen Woche einen Tatsachenbericht über Nordafrika mit einem Interview des Rif-Kabylen-Führers Abd-el-Krim und dem ersten Teil einer Reportage Joachim v. Kürenbergs begonnen. Der eben erst aus Nordafrika zurückgekehrte deutsche Schriftsteller fährt heute fort mit seiner Schilderung. Es gilt die Schwarz-Weiß-Malerei von Schwarz und Weiß im Kampf um den Nordrand Afrikas durch ein wahres Bild zu ersetzen.

Dem Obst- und Gemüsemarkt gegenüber liegt das Postamt von Tunis. In dem Schaltersaal hocken einige zerlumpte Gestalten am Boden. Die Schalter sind geschlossen; wenn man etwas haben will, muß man klopfen. Erst nach einer Weile öffnet sich dann der Schalter und ein zigarettenrauchender Mann, ärgerlich darüber, daß er beim Zeitunglesen gestört wird, fragt unwirsch, was man will. Ich reiche ihm ein Telegramm; daraufhin schließt sich wieder der Schalter. Aus dem Geflüster hinter den Scheiben ist zu entnehmen, daß man sich berät. Schließlich lugt der Mann aus seinem Schalter wieder heraus: „Hamburg? – Das ist Russia!“ Entrüstet verwahre ich mich gegen diese Behauptung: „Hambourg, monsieur; Amburgo – Allemagne – Germania, signore!“ – Ungläubiges Kopfschütteln: „Nicht Russia?“ Erneute Debatte hinter den Scheiben, bis dem Beamten schließlich etwas Erlösendes eingefallen zu sein scheint. Er kommt heraus in die Halle, winkt einem völlig zerlumpten Menschen, der bis dahin am Boden gehockt hatte. Dieser Mann in Fetzen – nicht ohne Würde – trägt eine ganze Reihe von Kriegsmedaillen auf seiner Brust. Ihm folgen mit Abstand drei andere, die in stiller Bewunderung schweigend zusehen, wie der Mann mit den Medaillen das Telegramm in die Hand nimmt und eingehend prüft. Nach längerem Nachdenken erklärt er kategorisch: „Allemagne – 12 Worte – 1000 tunesische Francs!“ Alle Beteiligten atmen erleichtert auf. Später stellt sich allerdings heraus, daß die richtige Taxe für jenes Telegramm nur 700 Francs gewesen wäre.

An der Porte de France, dem alten Bäb-el-Bahar, dem Seetor der Araber, mischen sich Abendland und Orient. Hier stehen die Wechsler und jene Nichtstuer, die vertraulich zwinkernd dem Reisenden ihre Angebote machen. Mit Rosenöl – das übrigens fast immer verfälscht ist – fängt es an, dann folgen weitere Verlockungen, die schließlich mit der kühnen Einladung enden, einen garantiert echten Harem zu besuchen. In Wirklichkeit ist das in Tunis gar nicht möglich, denn kein Privatmann würde es aus religiösen Gründen dulden, daß ein Fremder, noch dazu ein Ungläubiger, die Schwelle seines Harems betritt. Was hier als Harem bezeichnet wird, ist nichts weiter als ein Salon d’Amour, der von einer alten Französin unterhalten wird, mit vielen Spiegeln,. Papiergittern, Schleiern, falschen Blumen, Gummi-Palmen, bunten Lampen, Teppichen und Bassins und vor allem mit hübschen Mädchen aus Marseille und Tripolis. Unerfahrene Fremde fallen häufig darauf herein, obwohl hier alles unecht und Talmi ist, selbst die zur Staffage aufgestellten Eunuchen, die nur die Aufgabe haben, als gute Schauspieler die Kunden in Schrecken zu versetzen etwa mit dem Ruf: „Allah stehe uns bei; der gnädige Herr ist gekommen und schon auf der Treppe!“ ...

An der Stadtperipherie von Tunis liegt der Belvedere-Park, eine ausgedehnte Anlage mit Rennbahn, Restaurants und Kaffeehäusern. An Wochentagen und besonders vormittags ist der Park wenig besucht, so daß er von Mohammed-Ben-Ali für einen Spaziergang ausersehen wird, den er mit mir unternehmen will. Mohammed-Ben-Ali ist ein Mann von über sechzig Jahren, Lehrer an der Hochschule in Tunis, Vertreter alter konservativer Richtung in politischen Fragen, also einer, der das Gewonnene erhalten und wenig von den neuerungssüchtigen Wünschen der revolutionär denkenden Jugend wissen will. Er ist Lehrer für Geschichte an der Tunesischen Universität. „Über unser armes Land sind in den letzten zweitausend Jahren ununterbrochen Heere von Eroberern und Ausbeutern hergefallen“, sagt er, „Griechen, Punier, Römer, Vandalen, Byzantiner, Sarazenen, dann Berber, Araber, Spanier und schließlich auch die Türken, die am allerschlimmsten in unserem Lande gehaust haben. Von ihnen wurden die letzten Wälder umgelegt und dadurch der fruchtbare Boden unseres Landes zur Steppe gemacht. Was noch an Werten vorhanden war, wurde von den türkischen Beys, den schlimmsten Ausbeutern, geplündert und fortgeschleppt. Alles im Lande verfiel und wurde zur Öde; die Armut nahm unvorstellbare Ausmaße an. Da kamen die Franzosen und übernahmen das Protektorat über das verelendete Land.“

Protektorat vorbildlich