Ähnliches hat sich zwischen den beiden Kriegen begeben: Ein Mann will die Welt ändern; er ist ein Farmerssohn aus irgendeinem amerikanischen Staat und heißt Willie Stark. Er ist zäh, intelligent, lernbegierig und nicht ohne eine gewisse Gutmütigkeit –: ein Mann, so scheint es, wie geschaffen als Strohmann für die Politiker, für eine Partei oder eine Wahlkampagne. Wer weiß, was es nun genau war, was Willie Stark zur Überraschung seiner eigenen Parteifreunde und seiner Frau eines Tages zum Gouverneur machte und ihm ein Amt gibt, von dem er noch nicht ahnt, daß es ein Amt der Versuchung ist. Hätte er es aber geahnt, so wäre er wohl dennoch Gouverneur geworden.

„Der Gouverneur“ heißt der mit dem Pulitzer-Preis gekrönte Roman des amerikanischen Erzählers Robert Pen Warren (deutsche Übersetzung von Ilse Krämer im Wolfgang-Krüger-Verlag, Hamburg, 1951, 656 S., DM 16,40). Mit einer bezähmten Leidenschaft schildert der Journalist Jack Bürden, Willies Entdecker und späterer Pressereferent oder Begleiter oder Manager oder Sekretär – ja, wie soll man schließlich einen Mann nennen, der für den „Boß“ Recherchen einholt, Briefe schreibt, Hotelzimmer bestellt, Leute verleumdet, der von einem alten Freund seines Vaters ein „Lakai“ genannt wird, ein Mann, in dessen Leben sich die Tragik des Gouverneurs noch einmal verzerrt widerspiegelt, ein Mann, der dem Gouverneur verfallen ist, obwohl er ihn durchschaut; ein Mann, der kein Profitjäger ist, und der durch das Land rast, obwohl es eine Frau gibt, die ihn liebt? Ein Mann, der weiß, wie es mit Willie Stark angefangen hat: mit einer temperamentvollen Rede gegen einen zu hohen Baukostenanschlag für eine neue Schule seines Heimatdorfes, angefangen aber auch mit Liebe zu den Armen und Bedrängten, bis später die Parteileute kamen mit einem Cadillac und Willie Stark es ganz in Ordnung fand, in diesem Cadillac zu sitzen und Gouverneur zu sein. Und dann begann der Gouverneur die Profitjäger zu überspielen und dabei ihre Methoden anzuwenden. Und schließlich wußte der Journalist Jack Bürden auch, aus welcher Mischung von listiger Managerverschlagenheit und gutgläubiger Dummheit der Mythos von der Gottgesandtheit des Bauernsohnes Stark entstanden war, und er wußte, daß Stark selbst daran glaubte. Aber obwohl Jack Bürden, der nach des Dichters Willen dieses Buches erzählt, das alles durchschaut, bleibt er dem Gouverneur treu. Die Treue zu dem Menschen Stark und aber auch die Sucht zur Gefolgschaft sind stärker als Herz und Verstand. Aber die Gefolgschaft treibt auch den Führer in sein Ende; sie macht ihn zum Menschenverächter, weil er sich schließlich selbst verachten muß und die Welt nicht mehr mit seinen eigenen Augen sieht.

Robert Pen Warren hat dieses Buch mit einer zuweilen bis an die Grenze des Erträglichen sich steigernden Spannung geschrieben. Es ist eine Spannung, die sich nicht nur aus dem dramatischen Ablauf äußerer Ereignisse ergibt –: vielmehr leuchtet durch den Stil Warrens ein Abstand zu den Dingen durch, der auf jeder Seite des Buches schmerzhaft demonstriert, wie wenig ein Mann die Welt ändern konnte, obwohl er sie ändern wollte. Paul Hühnerfeld