Von unserem westdeutschen Korrespondenten

R. Düsseldorf, Mitte März

Der unentwegte Demokrat aus dem Schwabenland, Karl Arnold, feierte am 21. März seinen fünfzigsten Geburtstag... Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident hat mehr als einmal im Brennpunkt heftiger Meinungsverschiedenheiten gestanden, nachdem er im Sommer 1947 den Oberbürgermeister-Posten von Düsseldorf mit dem des Ministerpräsidenten gewechselt hatte und nachdem er durch den „Staatsstreich des Geheimrat Katzenberger“ im September 1949 zum ersten Bundesratspräsidenten Westdeutschlands geworden war. Das politische Konzept seines Parteifreundes und siegreichen Nebenspielers Adenauer durchkreuzte er mehrmals, nicht aus persönlichen Gründen, sondern – wie er äußerte – um das demokratische Spiel der Kräfte zwischen Bund und Ländern wirksam werden zu lassen.

Auf der Stufenleiter der Zentrums- und CDU-Partei, gefördert durch die kräftige Unterstützung der christlichen Gewerkschaften, deren Kartellsekretär er fast ein Jahrzehnt von 1924–1933 in Düsseldorf gewesen war, ist Arnold aufgestiegen. Bei den einen gilt er als gefährlicher Linker, bei den anderen als Stimmenfänger, der mit sozialen Gedanken in Arbeiterkreisen zu werben sucht. Beides ist in seiner Einseitigkeit falsch. Arnold ist kein Mann des Schemas; er ist kein Mann der Härte, des schnellen Entschlusses oder der Unduldsamkeit. Er ist vielmehr ein Mann des Ausgleichs und eines manchmal fast zu großräumigen politischen Konzeptes, so daß man bei ihm nie vor Überraschungen sicher ist.

In den letzten Monaten ist es um ihn stiller geworden. Seine Gesundheit ist nicht die beste, auch sein politischer Einfluß ist zurückgegangen und stärker auf die Landesgrenzen beschränkt worden. Manche möchten ihn als Nachfolger Böcklers als Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, sehen, manche glauben, daß sein Stern im Sinken sei. Aber Arnold gehört noch zu den durchaus jüngeren Männern in der vorderen Reihe der Politiker. Politische Überraschungen zu bereiten, paßt ebenso in seine Wesenszüge wie die Schlichtheit seines persönlichen Lebens. Nüchtern, ein wenig steif, aber nicht humorlos, mit einer großen Liebe zu Jagdhunden und einer kleinen zum bayrischen Bier – aber nur, wenn aus Münchner Steinkrügen gereicht – so war es schon in seiner Jugend, als er noch als Lederarbeiter im württembergischen Heimatstädtchen Herrlishöfen bei Biberach lebte.

Kürzlich erst sprach er in kleinem Kreise von großen Projekten seiner künftigen Politik, Erfüllt vom Glauben an die staatspolitischen Kräfte der Jugend, wie sie ihm auf der Essener Jugendtagung vorigen Jahres offenbar wurden, arbeitet er an Plänen zu einer stärkeren Einschaltung des Nachwuchses in die aktive Politik. Eine Länderreform hält er für dringlich, ebenso die Lösung des Bundesrates aus dem Zustand einer von Gesetzesarbeit überschütteten, ohne Eigendasein vegetierenden Behörde. Er sucht in der Mitbestimmung eigene Wege und möchte die Betriebe vor jedem Einfluß von außen her schützen. Die Sorgen um Demontagen, Gebietsabtretungen an Belgien und Holland, um Lebensmittelzufuhren und Entnazifizierung seien nun vorüber, meinte er. Die großen Fragen des Schuman-Plans und der Mitbestimmung, der Neuordnung im industriellen Aufbau und der sozialen Wirtschaftsform ständen nunmehr für Nordrhein-Westfalen im Brennpunkt des Tagesgeschehens.