Es tut nichts zur Sache, ob das Gespräch mit Mr. Miller, worüber hier berichtet werden soll, am Kamin in London oder in der Halle eines Hamburger Hotels stattgefunden hat; es ist auch gleichgültig, ob unser Gesprächspartner – ein Mann aus der City, dessen Wort nicht nur im engeren Kreise seiner Geschäftsfreunde „aus der Branche“ Gewicht hat – diesen oder Jenen Namen trägt; es ist schließlich keineswegs entscheidend, ob unser Mann nun etwa in diesem oder jenem Punkte irrt, also die Dinge: bei uns schief sieht und allzu einseitig beurteilt: wichtig ist nur, zu erfahren, wie „man“ in der City über die gegenwärtige kritische Situation hierzulande denkt. Deshalb soll über diese Unterhaltung relativ ausführlich berichtet werden.

Mr. Miller meint, daß die deutschen Geschäftsleute zu seßhaft geworden oder zu sehe ,,mit ihrer Beschäftigung – beschäftigt“ seien, daß sie sich also zu stark abschlössen und einkapseken: er glaubt, sie müßten sich die Zeit nehmen, no „draußen“, an Ort und Stelle, die Märkte zu studieren, persönliche Verbindungen herzustellen und zu pflegen, die Meinung ihrer Geschäftspartner in London und Paris, in New York und Los Angeles, in Kanada und Südamerika kennenzulernen. Mr. Miller findet, daß wir gut daran täten, das Urteil ausländischer Kaufleute, Industrieller und Bankiers über unsere wirtschaftlichen Verhältnisse zu studieren. Wenn dies Urteil vielleicht auch zu summarisch ausfiele, im Sinne einer Simplification der Problematik, so sei das nur ein nützlicher und heilsamer Ausgleich angesichts unserer Neigung, die Dinge zu spezialisierend, differenzierend, systematisierend zu betrachten, mit notwendigen Eingriffen allzu stark individualisierend anzusetzen – weil man die „ideale“, die „gerechte“ Lösung anstrebt –, um so schließlich „vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen“.

Mr. Miller findet, daß unsere Importeure offenbar das Einkaufen verlernt haben müßten. Anders kann er es sich. nicht erklären, daß bei jeder Ausschreibung die betreffenden Märkte „gestürmt werden, daß die deutschen Einkäufer sich gegenseitig überbieten, die Preise unnötig in die Höhe treiben und Konditionen (Barzahlung oder sogar Vorauszahlung) anbieten, die in dem betreffenden Markt gar nicht üblich sind.“ Er spricht von „wahllosen Käufen“, nach Quantitäten und Qualitäten. Er wundert sich, daß unsere Importeure auf einem Markt, wo die USA-Stoppreise in Höhe von 40 Cent je Einheit der Standardqualität allgemein – also auch van der City – respektiert werden, mit unlimitierten Angeboten für feinste Qualitäten die Preise bis zu 48 Cent treiben und dabei auch der Menge nach „kaufen, was das Zeug hält“. Wie ist es nur möglich, daß ausgerechnet dies Land, das in einer akuten Devisenklemme steckt, es seinen Einkäufern erlauben kann, mit solch (falscher) „Großzügigkeit“ zu disponieren? So fragt sich die City – so fragt uns Mr. Miller. Seine eigene Antwort hierauf lautet: Das ist die Schuld des in Deutschland während der lernen Jahre entwickelten Kreditsystems, das eigentlich diese anspruchsvolle Bezeichnung gar nicht mehr verdient, sondern eher, als „Pumpwirtschaft“ bezeichnet werden müßte ...

„Weshalb eigentlich“, so fragt Mr. Miller, „geben die Banken für jedes Einfuhrgeschäft jedem geforderten Wechselkredit an ihre Kundschaft in dieser Lage, wo jedermann weiß, daß Devisen nur in ganz beschränktem Umfang verfüglich sind? Weshalb gibt man nicht vorerst – und bis auf weiteres – Kredite nur für die Einfuhr von Grundnahrungsmitteln und von solchen Rohstoffen, die gebraucht werden, um nachweislich vorliegende Exportkontrakte zu erfüllen? Gibt es denn in diesem Lande wirklich so etwas wie ein ‚Recht auf Kredit‘, ein Recht darauf, Importgeschäfte auch ohne Einsatz eigener Mittel durchzuführen? Trifft es wirklich zu, daß in einer einzigen Woche im Februar, also schön während der Kreditrestriktion die von Ihrer Notenbank verfügt worden war, die Banken neue Kredite im Betrage von einer halben Milliarde DM gegeben haben, die sich, bei Lichte besehen, ja doch im vollen Umfange als Nachfrage nach Importdevisen ausgewirkt haben? Muß da nicht der Eindruck entstehen, daß die Absichten Ihrer Notenbank, die ja aus einem gesamtwirtschaftlich gegebenen Zwang heraus handelt von den Privatbanken . aus egoistischen Motiven heraus durchkreuzt werden? Mein Vorschlag würde sein, jede Art von Import zu gestatten, soweit der Importeur ein wirkliches, echtes Bardepot stellen kann, aus eigenen Mitteln, oder soweit er sich selber einen Auslandskredit beschaffen kann, etwa im echten Lombardgeschäft. So ginge es ohne eine Kontingentierung der Einfuhren ab, und es bliebe genügend Freiheit für den Warenhandel. Aber diese Aufblähung des Wechselgeschäfts für die Importfinanzierung, wie sie sich hier mehr und mehr ergeben hat – gewiß aus einer Zwangslage heraus, die bei der Geldreform entstand (oder, genauer gesagt, damals erst deutlich wurde) und die sich seit dem Korea-Boom und der Verringerung der ERP-Hilfe verschärft hat – diese Art Finanzierung also erscheint uns, strictly speaking, als unsolide.“

Für Mr. Miller ist es unverständlich, daß der Import (nicht nur bei Grundnahrungsmitteln und „lebenswichtigen“ Rohstoffen, sondern auch bei Verbrauchswaren aller Art) generell ermutigt wird, während die Devisenknappheit ja gleichzeitig begründeten Anlaß zu restriktiven Maßnahmen gibt. Er findet, daß – außer den Privatbanken, die durch eine large Kreditpolitik sündigen – auch der Finanzminister zu tadeln sei, weil er selbst in der gegenwärtigen Lage noch an dem Verfahren der Einfuhrbegünstigung durch Zollstundungen festhält, also von sich aus „Einfuhrkredite gewährt. Herr Schäffer sollte vielmehr, so meint Mr. Miller, auf prompte Zahlung der Zölle drängen und die Geldeingänge hieraus zur Rückzahlung seines Kassenkredits (in Höhe von rund einer Milliarde!) beim Zentralbanksystem verwenden, um auch von sich aus zur Importbeschränkung sowie zu der gleichfalls gebotenen Kreditkontraktion beizutragen.

Mr. Miller hat alles Verständnis dafür, daß man das britische System der Rationierung bis zum letzten Verbraucher bei uns nicht als Muster oder Vorbild anerkennen kann, also nicht nach diesem Rezept verfahren will. Er meint aber, wir müßten uns darüber klar sein, daß unser marktwirtschaftliches System noch stark hinkt: weil das „eine Bein“ steif und nicht hinlänglich beweglich Sei – womit er also die Festpreise bei Kohle und Getreide meint, die vielen tariflichen Bindungen (auch der Löhne), und vor allem die Tatsache, daß der wichtigste Preis „fix“ ist, unberührt bleibt von allen Schwankungen der Nachfrage und des Angebots... So steht es nämlich mit dem Preis für ausländische Zahlungsmittel, dem Devisenkurs also. Eine Abwertung, selbst wenn sie jetzt erreichbar wäre, sei nicht zu empfehlen; man würde einen anderen Fixpreis für den jetzt, gegebenen eintauschen, im Prinzip also auf die Dauer damit nichts bessern, allenfalls eine kurzfristige Atempause gewinnen, dafür aber auch mancherlei Nachteile einhandeln – so meint unser Gewährsmann. Aber er; ist der Ansicht, man müsse bei uns eben gewisse Konsequenzen aus der Tatsache ziehen, daß wir es mit einem normierten, sich nicht marktgerecht aus Angebot und Nachfrage ersehenden Devisenkurs zu tun haben: ein Zwangspreis, am zentralen Punkt der Außenwirtschaft gegeben, zieht entweder weitere Zwangspreise nach sich oder macht kontingentierende, restriktive, nominierende, kurz „ordnende“ Eingriffe mindestens: dann nötige wenn die außenwirtschaftlichen Verhältnisse sich so stark, gewandelt haben, wie es eben in den letzten acht Monaten bei uns der Fall gewesenist. Je stärker die Bereitschaft der Unternehmer aller Arten ist, sich loyal gegenüber irgendwelchen Anregungen und Weisungen zentraler Instanzen zu verhalten, um so eher werden diese mit „marktkonformen Mitteln“ auskommen können. Natürlich empfiehlt Mr. Miller keineswegs eine austerity im Sinne einer nachhaltigen Absenkung unseres Lebensstandards und der inländischen Erzeugung. Er meint aber, daß der Export als Schrittmacher betrachtet werden muß, daß vorübergehende Einschränkungen des Inlandsverbrauchs – und zwar wahrscheinlich „auf der ganzen Linie“, also nicht nur bei einigen wenigen Dingen des „gehobenen Konsums“ oder des Luxusverbrauchs – solange notwendig sein werden, bis im Export wieder genug verdient worden ist. Mr. Miller macht sich die Ansicht nicht zu eigen, daß die Schaufenster der Läden, die Speisenkarten der Gaststätten ein „falsches Bild“ gäben und einen „nicht vorhandenen Wohlstand“ vortäuschten: offenbar, so sagt er, werden diese Dinge ja verlangt, gekauft – sie sind doch nicht bloß eine „Dekoration“, die sich für die Geschäftsinhaber ja recht bald ruinös auswirken müßte! Fraglich erscheint ihm nur, ob diese doch recht breiten Verbraucherschichten, die dort einkaufen, hier verzehren, die zum Wintersport, in die Bäder, in die Sommerfrische reisen, und das vielfach mit dem eigenen Auto – oder ist es in jedem Falle der Geschäftswagen? – in ihren Einkommen hinreichend solide fundiert sind. Er fragt (mit einigem Recht), ob unser Steuersystem, angefangen mit dem Lohnsteuer-Jahresausgleich und den sonstigen steuerlichen Rückvergütungen, nicht zu lange schon und zu stark den Verbrauch (und das Anwachsen der betrieblichen Unkosten)