Kongreß der Spießer in Frankfurt – Weils Restaurant ist kein Bürgerbräukeller

Von Claus Jacob!

Der „Deutsche Kongreß“ war schwer zu finden, 80 v. H. aller Deutschen, so meinten zwar seine Initatoren, stünden geschlossen hinter ihnen. Aber unglücklicherweise schienen ausgerechnet die Bewohner der Stadt Frankfurt zu den restlichen 20 v. H. zu gehören. Niemand von ihnen, weder Wachtmeister noch Spaziergänger, hatten je vom „Deutschen Kongreß“ gehört. Durch Zufall fand man ihn dann schließlich doch. Der „Deutsche Kongreß“ fand im Keller statt. In, oder besser unter Weils Restaurant in den Eschenheimer Anlagen hatten sich 130 aktive Neutralisten zusammengefunden, um eine „unabhängige deutsche Politik“ zu formulieren.

Hier also sollte die Dachorganisation aller gegen die Wiederbewaffnung und für die Neutralisierung Deutschlands eintretenden Gruppen gebildet werden. Prompt sah man sie am Vorstandstisch fast vollständig wieder versammelt, die Rattenfänger von Wiesbaden, die Unterzeichner jenes ersten Sammelaufrufs „Für einen allgemeinen Friedensschluß“: Der Ribbentrop-Agent, Professor Ulrich Noack vom Nauheimer Kreis, rank und eitel wie stets; der Reisende in Sachen Vaterland und Bewegungsgründer aus Passion, Joachim von Ostau mit gepflegtem de Gaulle-Bärtchen, Kavaliers-Taschentuch und erhitztem rotem Gesicht, auf dem kleine Schweißtröpfchen standen; der blonde Ex-Minister Erich Arp, der die SPD wegen kommunistischer Umtriebe verlassen mußte und Karl-Heinz Priester, einst NSDAP, heute Europäische Nationale. Neue Sterne am Neutralistenhimmel hatten sich zu ihnen gesellt. Wolf Schenke von der Dritten Front; der mit Neutralitätsausweisen handelnde Theodor Koegler vom Deutschen Freiheitsbund; Heinrich Christian Meyer von der Sozialdemokratischen Opposition und Rudolf Jungnickel vom getarnten kommunistischen Friedenskorps West. Vor ihnen lagen auf dem Tisch Glückwunschbotschaften von Niemöller, von Ex-Minister Gereke und von der Zentrumsvorsitzenden Helene Wessel. Alle Voraussetzungen für eine zünftige Bewegungsgründung schienen also gegeben. Allein es kam nicht dazu. Weils Restaurant wurde kein Bürgerbräukeller. Das aber lag nicht am Vorstandstisch – es lag am Publikum.

Die Delegierten waren nämlich ebenso zahlreich wie rührend, Sie vertraten 25 Gruppen, angefangen vom Esperanto-Bund über die Weltbewegung der Mütter bis zur Sammlung zur Tat. Andere waren von ihrem Gewissen in Weils Restaurant getrieben worden. Dort saßen sie nun, tranken Bier, Kaffee und Coca Cola, aßen mitgebrachte Butterbrote und waren voll des guten Willens, ihr Vaterland vor einem neuen Krieg zu bewahren. Über die Tische wanderten hektographierte Drucksachen: „Briefe an Weggefährten des Dichters Reinhold Schneider“, ein Brief an Harry S. Truman von der Deutschen Friedensgesellschaft (Bund der Kriegsgegner), Landesverband Nordbayern, Entschließungsvorschlage und Diskussionsbeiträge. Im Knopfloch trugen die meisten ein kreisrundes Schildchen mit ihrem Namen. Zuweilen bekamen die Delegierten auch Angst vor ihrer eigenen Courage. Ihr braver kleinbürgerlicher Sinn ließ keine Bürgerbräustimmung aufkommen. Der „Deutsche Kongreß“ war ein Kongreß der Spießer.

Was hinter den Kulissen geschah

So sah die harmlose Oberfläche aus. Was aber spielte sich hinter den Kulissen ab. Der erste offizielle Kongreßtag war Sonnabend. Doch schon wenige Stunden zuvor, am Freitagabend, hatte das rote Friedenskorps West eine Versammlung abgehalten, auf der sein junger Führer Jungnickel erklärte, die Volkspolizei bedeute keine Gefährdung des Friedens, weil die Sowjetunion keinen Krieg wolle. Wenn es aber trotz des Friedenswillens der Sowjetunion zu einer östlichen Besetzung der Bundesrepublik kommen sollte, so sei es empfehlenswert, sich „überrollen zu lassen“. Nur wenige Kongreßteilnehmer wußten von dieser Versammlung. Sie merkten nicht, wie Rudolf Jungnickel vom Vorstandstisch des Deutschen Kongresses aus zwei Tage später, am Sonntag unter Ausschluß der Öffentlichkeit, den Faden weiterspann. Ahnungslos klatschten sie Beifall ob soviel Initiative, als er die Schaffung eines „Ordnungsstabes“ in der Bundesrepublik forderte...