Neuerdings sind die Bonner – oder eigentlich Adenauers – Bedenken gegen die weitgehende Dekartellierung an der Ruhr beiseitegeschoben worden, ohne daß sich am Problem etwas geändert hätte. Irgendwelche bedeutsamen Zugeständnisse waren bei McCloy und seinen Freunden nicht auszuhandeln. Der Weg zur Paraphierung des Schuman-Plans war somit frei.

Sollte sich Adenauer wirklich politische Vorteile – sie sind möglich – aus dem Schuman-Plan errechnen, dann erhebt sich die Frage, wie teuer sie erkauft sind. Rechtfertigt ein möglicher politischer Vorteil offensichtlichen wirtschaftlichen Nachteil?

Mitte vergangener Woche hat die Bundesregierung dem amerikanischen Hohen Kommissar den endgültigen Vorschlag der deutschen Regierung zur Montan-Neuordnung überreicht. Darüber hinaus hat die deutsche Regierung den Kommissar gebeten, den Vorschlag anzunehmen. Zunächst wäre als entscheidendes Politikum also festzuhalten, daß Bonn freiwillig – jedenfalls nach außen hin – die Bitte zur Annahme ausgesprochen hat und zugleich einen Vorschlag einreichte, der sogar über die von den alliierten Stahl- und Kohlen-Kontroll-Gruppen ausgearbeiteten Neuordnungspläne (im negativen!) hinausgeht.

Was wir befürchteten und an dieser Stelle schon wiederholt zum Ausdruck brachten, ist damit leider in das Stadium der Realität gerückt. Mit einer Eile, die sich keineswegs aus deutschen Notwendigkeiten heraus begründen läßt, wurden diese Entwicklungen in den letzten vierzehn Tagen vorangetrieben. Besonders unglücklich, ja geradezu mit tragischer Kausalität behaftet, empfinden wir die bedingungslose Verkettung der Neuordnung mit dem Schuman-Plan, Die Neuordnung sollte wirtschaftlich einwandfreie neue Gebilde bringen. Und der Schuman-Plan sollte Westdeutschland mit Frankreich und damit mit Westeuropa politisch verbinden, indem wirtschaftliche Gegensätze ausbanlanciert werden.

Deutsche Zugeständnisse--sind nun das einzige Faktum, das zur Zeit vorliegt. Die Gegenleistung schaukelt in Erwartungen auf vielleicht künftig noch zuzubilligende Erleichterungen.

Wir haben in früheren Beiträgen (Nr. 2 vom 22. Jan., Nr. 4 vom 25. Jan., Nr. 8 vom 22. Febr.) bereits auf Einzelheiten der unterschiedlichen Montanpläne hingewiesen. Dennoch sei auf drei besonders krasse Fehlkonstruktionen erneut hingewiesen: Auflösung des gemeinsamen Deutschen Kohlenverkaufs, Verzicht, auf eine Verbindung der Rheinischen Röhrenwerke AG. mit einem Stahlwerk und das Einzeldasein der Thyssen-Hütte. Den Rheinischen Röhrenwerken die Stahlbasis versagen, bedeutet nicht nur schwerwiegende Kostenbelastungen, sondern auch Fortnahme der Eigenentwicklung in spezialisierten Qualitäten an Röhrenstahl und damit bewußte Exportgefährdung. Das Einzeldasein eines Betriebes mit dem Namen August-Thyssen-Hütte heißt, die Demontagefolgen zu verewigen und zu sanktionieren, da das substanzmäßig so ausgeblutete Werk niemals ohne Anlehnung seine Wiederaufbaumittel aufbringen kann.

Und etwas kommt hinzu: Die Durchführung der Montan-Zersplitterung und dieses widernatürliche Zerreißen der Verbundwirtschaft beenden Jahrzehnte des deutschen Vorsprunges in Eisen, Kohle und Stahl und bedeuten den freiwilligen Verzicht auf Rentabilität der deutschen Schlüssel Produktion, soweit Kostenrechnungen heute für später überhaupt aufgestellt werden, können. An Hand einiger Untersuchungen haben wir die aus diesen Beschlüssen sich ergebenden Erhöhungen der Kosten in einzelnen Werken ausgerechnet und sind dabei zu der noch sehr vorsichtigen, aber doch schon erschütternden Zahl gekommen, daß bei einem Jahresumsatz von rund 3,5 Mrd. DM, die der Stahlkomplex 1950 erreichte, praktisch 175 Mill DM künftig mehr verausgabt werden müssen, die Ertragsrechnung also belasten. Diese Zahl entspricht fast auf den Pfennig der Abschreibungs-, somit der Substanz-Erhaltungsquote der Werke. Der Bonner Vorschlag verzichtet nun auf diesen Vorsprung.