Auf dem Hamburger Rathausmarkt haben Passanten am hellichten Tag einen bewußtlosen Mann gefunden. Sie schafften ihn ins Krankenhaus, und da kam er bald zu sich. Das heißt – zu sich kam er eigentlich gerade nicht, nur sprechen konnte er wieder. Die Ärzte fragten nach seinem Namen. Der Mann antwortete mit chemischen Formeln. Die Ärzte fragten, wo er denn herkäme (vielleicht aus Frankfurt, meinten sie, denn er habe doch einen Fahrschein der Frankfurter Straßenbahn in seiner Tasche gehabt) – der Mann antwortete mit chemischen Formeln. Chemische Formeln von der einfachsten anorganischen bis zur schwierigsten organischen Ringverbindung – das war alles, woran sich der Patient aus seinem früheren Leben erinnerte.

Der Schiller-Vers „Zum Teufel ist der Spiritus, das Phlegma ist geblieben ist also hier nicht anwendbar. Geblieben sind hier die chemischen Formeln. Keiner weiß, was war, was der Mann ohne Gepäck alles zu vergessen hatte: eine Frau, ein Kind oder Freunde – seine chemischen Formeln hat er jedenfalls nicht vergessen. Und also wird er weiterleben können, wahrscheinlich als Chemiker. Jedes Laboratorium wird ihr gern einstellen: Was ist das für eine Kraft, deren Existenz sozusagen reine chemische Existenz ist? Wir aber, die wir noch über die Straßen gehen, ohne bewußtlos zu werden, stellen fest: also das ist’s, was wir behalten... P. H.