Der alarmierende Beschluß des iranischen Parlaments, die Ölindustrie des Landes zu verstaatlichen, ist nicht nur für die „Anglo Iranian Oil Company“ ein schwerer Schlag, Indirekt betrifft er alle ausländischen Ölgesellschaften in allen Ländern des Mittleren Osten.

Die „Anglo Iranian“, früher „Anglo Persian Oil Company“, hat seinerzeit die 60jährige Ölkonzession übernommen, die die persische Regierung dem Australier D’Arcy im Jahre 1901 für das gesamte persische Kaiserreich mit Ausnahme der fünf nördlichen Provinzen gewährt hatte. Im Frühjahr 1933 war diese Konzession durch einen neuen, bis 1993 gültigen Vertrag ersetzt worden. Die persische Regierung hatte auf ihr Recht, die Gesellschaft zu Steuerzahlungen heranzuziehen, verzichtet, der Vertrag enthielt jedoch keine Sicherung gegen eine Besteuerung durch die englische Regierung. Gerade diese englischen Steuern sind es aber, die die Netto-Einnahmen der Gesellschaft sehr erheblich verringern. Die Steuern, die der englischen Regierung – die mit 55,9 v. H. aller Aktien der Hauptaktionär der Gesellschaft ist – aus der Anglo Iranian Ölgesellschaft zufließen, sind höher als die Gesamteinnahmen der persischen Regierung! Der wachsende Widerstand gegen die ungerechte Verteilung der Einnahmen führte im Jahre 1949 zu einem Zusatzabkommen, das aber vom iranischen Parlament als unzureichend betrachtet wurde. Offenbar hat die Gesellschaft diesen ständig wachsenden Widerstand unterschätzt und sich daher zu größeren Entgegenkommen nicht entschließen können. Die Perser aber dachten daran, daß die größte amerikanische Ölgesellschaft im Mittleren Osten, die „Aramco“, im Dezember 1950 mit der Saudi-Arabischen Regierung einen Vertrag abgeschlossen hatte, nach welchem beide Vertragspartner zu gleichen Teilen an den Einnahmen der Gesellschaft beteiligt wurden.

Erst als Anfang März auch London, die Gefahr einer möglichen Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie einsah, machte die Gesellschaft entsprechend dem Aramco-Vertrag inoffiziell ein neues Angebot, Aber es war zu spät! Der Druck im Kessel war zu stark geworden. Der Ministerpräsident Ali Rasmara fiel als erster der Explosion zum Opfer, und unter dem Eindruck dieses Mordes stimmte das iranische Parlament am 15. März einheitlich für die Verstaatlichung.

Dennoch wäre es voreilig, den Zusammenbruch der englischen Ölinteressen in Iran vorauszusagen. Durch die Vertagung des iranischen Parlaments und die der Ölkommission des Parlaments gesetzte Frist zur Ausarbeitung detaillierter Vorschläge für die Verstaatlichung, stehen drei Monate zur Verfügung, in denen die erregte Stimmung in Iran einer kühleren Überlegung Platz machen kann und England sich entschließen dürfte, die nicht zu umgehenden Konzessionen zu machen. Damit wäre beiden Teilen am besten gedient, denn es fehlen dem Iran nahezu alle Voraussetzungen, um den riesenhaften technischen Apparat der „Anglo Iranian“ übernehmen und eine weltumspannende Vertriebsorganisation aufbauen zu können.

Eine Verstaatlichung ohne fremde Hilfe ist undurchführbar. Gewiß liegt die Befürchtung nahe, die iranische Regierung könne sie; zu diesem Zweck an die Russen wenden, doch würde dieser Fall nur dann eintreten, wenn England so töricht wäre, die iranische Regierung und das iranische Volk durch finanziellen und wirtschaftlichen Druck zum Nachgeben zwingen zu wollen. Die überwiegende Mehrheit des iranischen Volkes fürchtet die Sowjetunion und ihren Imperialismus ebensosehr wie es den wirtschaftlichen Imperialismus Englands haßt. Darum hat das iranische Parlament die im Jahre 1946 von der Regierung mit Moskau getroffene Abmachung, über die Gründung einer iranisch-russischen Ölgesellschaft zur Ausbeutung der Ölvorkommen in den nördlichen Provinzen des Landes auch nicht ratifiziert.

Wie aber, wenn die Sowjetunion sich ungebeten über die iranischen Ölquellen hermachen sollte? Selbst wenn dies geschähe, würde Moskau nicht viel erreicht haben, denn damit wäre das Öl noch lange nicht auf russischem Boden. Auf der eingleisigen Eisenbahn zum Kaspischen Meer lassen sich nennenswerte Mengen nicht befördern, und im Kriegsfalle kann diese durch ihre vielen Kunstbauten auf den Hochgebirgsstrecken äußerst verwundbare Eisenbahn rasch auf lange Zeit unbrauchbar gemacht werden. Der einzige Transportweg, auf dem iranisches Öl in größeremUmfang nach Rußland befördert werden könnte, ist der Seeweg durch das Mittelmeer und die Dardanellen nach dem Schwarzen Meer. Hier aber, im östlichen Mittelmeer, sowie an den Endpunkten der arabischen Ölleitungen in Haifa, Banyas, Tripoli und Tartus, liegen die Schwerpunkte der westlichen Verteidigung.

Offenbar rechnet der Westen im Falle eines Krieges mit einem sowjetischen Blitzsieg über Iran, denn soweit die Verteidigungspläne bisher bekannt wurden, gehen sie nicht über die Küste des östlichen Mittelmeeres hinaus. Der Westen sollte jedoch aus den letzten Ereignissen in Iran lernen, daß dieses Land auch nicht vorübergehend „abgeschrieben“ werden darf. Wenn sich diese verspätete Erkenntnis jetzt durchsetzen und aus ihr die notwendige Konsequenz gezogen würde, dann wird sich auch in der Frage der Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie eine beide Teile befriedigende Lösung erreichen lassen. Ernst Krüger.