Epigonentum (im üblichen Sinne des Wortes) klebt an den Formen, die seit einer, zwei oder drei Generationen geläufig sind. Die Entdecker und Beginner in der modernen abendländischen Kunst dagegen erdenken sich zumeist nicht schlechthin „neue“ Formen, sondern greifen über die geläufigen und abgeschliffenen hinweg zurück auf solche, die bis zu ihnen als antiquiert galten. So sind unsere Jahrzehnte voller „Renaissancen“: der Polyphonie in der Musik, der Romanik in der Skulptur, des Mysterienspiels im Theater. Hindemith, Gerhard Marcks, Thornton Wilder sind Wieder-Holer. Sie sind „Epigonen“ im ursprünglichen Sinn der griechischen Sage: Nachfahren, die den Kampf der Vorväter rächend aufnehmen.

Die angelsächsische Dichtung der Gegenwart hat in ganz besonderem Maß den bewußten, kritisch erwogenen Bezug auf die europäischen Ahnen. Ein Werk von so rigoros heutiger Weltsieht wie W. H. Andern „Zeitalter der Angst“, das in seinen Aussagen – besser: in seinen „indirekten Mitteilungen“ (Kierkegaard) – alle herkömmlichen Denkschemata sprengt und das „wüste Land“ der entbundenen Durchschnittsseele unter einem erlöschenden Hoffnungsstern durchstreift – es kleidet sich dennoch, und nicht nur aus Ironie, in ein Gewand aus der Zeit, da, die Welt noch heil war und des Hals gewiß. Ein „barockes Hirtengedicht“ nennt es sich, eine vergilische Ekloge in der Art, zu der sie die Dichter des siebzehnten Jahrhunderts umbildeten; erdachtes Gespräch zwischen unbesonderen Mensehen, bald strophisch, bald in fließenden Rhythmen; bald Chor eines Dramas, das ausbleibt, bald Hymne oder Elegie, gerichtet an alle und keinen.

Diese Form, weiträumig zugleich und streng, nimmt den gegenwärtigsten Gehalt auf: die unwahre Einsamkeit des Jedermann in einer Welt, „wo wir allein bleiben, lebendig aber allein und gehören: wohin?“ Die Trift der barocken Schäfer ist bei Auden zu einer Bar irgendwo in Amerika geworden, wo drei Männer und eine Frau, einander unbekannt, die „vorurteilslose Sphäre“ suchen und, jeder in den Wirbel seines nichtigen Selbst zurückgeworfen, gemeinsam scheiternd den Aufschwung in die Erkenntnis finden.

Das große Gedicht, wohl das umfangreichste und umgreifendste des vergangenen Jahrzehnts überhaupt, auf T. S. Eliots Zyklen weiterbauend, aber gewagter, bilderreicher, dem geheimen Gesetz der Assoziationen stärker vertrauend, kurz: poetischer als diese, ist nun, vier Jahr erst nach seinem Erscheinen, für deutsches Ohr und Auge gewonnen worden. Die Übertragung von Kurt Heinrich Hansen hat im ganzen Duktus und im einzelnen Vers so authentischen Klang, herb, schnöde und verhalten zärtlich, daß man sie wie ein deutsches Gedicht aufnimmt – ein Werk, das sich seltsam brüderlich, „Schönheit im Kampf mit Tod und Trauer“, neben das Werk Gottfried Benns stellt. Und Benn hat auch zu der Ausgabe (im Limes-Verlag, Wiesbaden, 116 S.) die grandios deutende Einleitung geschrieben.

Christian E. Leualter