Im beginnenden Frühjahr des Jahres 1924, nach den Trübnissen der Inflationszeit, veranstaltete Wilhelm Uhde, der große Entdecker, seine erste Ausstellung in Berlin im Salon Gurlitt in der Potsdamer Straße.

Zur vernissage zum Tag vor der Eröffnung, ging ich hin. Ich trat in den großen Oberlichtsaal ich weiß noch genau, rechts von der Tür hing ein besonders delikat in differenzierten Graus gemaltes und von E. R. Weiß „Die Gliederpuppe“. Aber ehe ich mich weiter umsehen konnte, nahm mich Uhde beim Arm. Mit einer großen Geste der rechten Hand beschrieb er einen Bogen, der den gegenüberliegenden Teil des Saales umfaßte, und dazu sprach er, und eine echte Wärme lag in seiner Stimme: „Sagen Sie, was Sie wollen, ich glaube an diese jungen Menschen.“ Zu denen, die damals zum erstenmal ausstellten, gehörte auch ein junger westfälischer Graf, Hanns Hubertus von Merveldt. Das Bild, das Uhde von ihm ausgewählt hatte, war ehe Landschaft aus Süddeutschland. Es bestach – und das war es, was Uhde bewogen hatte, es auszustellen – durch ein Kolorit, das Charakter hatte, und ein überraschendes Gefühl für die materiale Wirkung der Farbe.

Das war vor siebenundzwanzig Jahren. Jetzt feiert am 24. März Merveldt seinen fünfzigsten Geburtstag. Und da liegt es nahe, zu fragen: was ist aus ihm geworden? Hat er gehalten, was Uhde sich von ihm versprach?

Er blieb dem treu, was Uhde so sehr gefallen hatte, einem sehr selbständigen und charakteristischen Verhältnis zu dem Material der Farbe. Und das heißt, er war in erster Linie immer Maler, was ihn zu seinem Glück von jenen gehirnlichen Überlegungen fern hielt, mit denen so viele deutsche Künstler um einer „Aussage“ willen ihre Werke verderben. Er weiß, daß der Weg, sich dem Darzustellenden nur von der künstlerischen Sensibilität her zu nähern, dem Künstler eine größere Freiheit verleiht, als alle ....ismen es jemals vermocht haben. So malt er etwa eine Szene aus einem Atelier – einen Unterricht im Aktzeichnen – flächig, weil der farbige Eindruck auf diese Weise besser mit dem Gegenstand übereinstimmt, und andererseits zur gleichen Zeit eine Gruppe sitzender Araber in ihren weißen Gewändern pastos und prononciert plastisch im Faltenwurf, denn dies entspricht für sein Gefühl einer künstlerisch gesteigerten Empfindung von Licht und Schatten in Nordafrika.

Hier eben zeigt sich die Freiheit, die ein Maler hat, dem nur malerische Erwägungen den Stil bestimmen. Doch sollte man nicht etwa glauben, daß ein solches Unterwerfen unter die Gesetze von Farbe und Form hieße, die Kunst zu beschränken und sie unter die Maxime des l’art pour l’art zu stellen. Merveldt weiß sehr wohl, daß die artistischen Mittel nicht um ihrer selbst willen bestehen. Doch ebenso, wie Brot und Wein, wenn Chardin sie malt, kein christliches Symbol darstellen, sondern ein Stilleben – und doch gleichzeitig ein christliches Symbol – so ist ein Sammelplatz von Bojen, Minen, Bootsresten und Stacheldraht, wenn Merveldt dies malt, nicht von vornherein ein Symbol des Vernichtungskrieges, sondern ein gewaltiges Stilleben unter einem toten Himmel, bei dem sich der Charakter eines Symbols nur deshalb einstellt, weil die Darstellung dank ihrer künstlerischen Mittel Wahrheitsrang hat. Martin Rabe