In London verhandelten dieser Tage der italienische Ministerpräsident de Gasperi und Außenminister Graf Sforza mit der englischen Regierung über Fragen der Revision des italienischen Friedensvertrages. Schon die Demonstrationen, die vor der Abreise der beiden Staatsmänner in Italien stattfanden, ließen vermuten, daß das Hauptthema des Treffens Triest sein würde. Das Londoner Communiqué hat dies dann bestätigt. Es stellte fest, daß die britische Regierung an dem Dreimächte-Vorschlag vom März 1948 festhält, nach dem der Freistaat Triest an Italien zurückgegeben werden soll, daß sie aber zu einer direkten Einigung zwischen Italien und Jugoslawien rate. Gleichzeitig war in London eine, wenn auch nicht ebenso hochoffizielle, jugoslawische Delegation zu Besuch unter der Führung des intelligentesten KPJ-Politikers Mosche Pijade.

Man darf sagen, daß die Triester Frage, die entstanden ist durch eine Erpressung, die Molotow an Bidault verübte, für die Westmächte heute sehr peinlich ist. Die nach Tradition und Bemeers aus ihr zu machen, war eine jener Verlegenheitslösungen, die den Ruf der Friedensnacher des zweiten Weltkrieges belastet und die die Krise hervorgerufen haben, in der wir uns seit Jahr und Tag befinden. Die westlichen Diplomaten hatten übersehen, daß die Schaffung ungelöster Probleme immer nur der Seite zugute kommen kann, die sich zum Angriff rüstet, also niemals den Westmächten, die ihrer Ideologie nach ständig in der Verteidigung stehen müssen. Eben deshalb hat die Sowjetunion auch vor und nach dem Zerwürfnis mit Belgrad immer wieder eine Lösung des Streitfalles verhindert, ja die Triester Frage von sich aus stets von neuem aufgerollt, sei es in den Verhandlungen über den österreichischen Staatsvertrag, sei es vor einigen Tagen auf der Pariser Vorkonferenz der vier Großmächte. Und sie hat damit jedesmal Erfolg gehabt, weil, sobald auch nur das Wort Triest ausgesprochen wird, die Nationalisten in Italien wie in Jugoslawien rot sehen.

Der Freistaat Triest, der nur einige hundert Quadratkilometer umfaßt, ist heute in zwei Zonen geteilt, von denen die eine, zu der die Stadt selbst gehört, von Engländern und Amerikanern, die andere, ländliche, von Jugoslawen besetzt ist. Diese Besetzung soll nach dem Friedensvertrag aufhören, sobald im Sicherheitsrat ein Gouverneur ernannt wird. Hierzu ist es nie gekommen, so daß das vorgesehene Triester Statut nicht in Kraft treten kann. Deshalb erklärten die Westmächte, kurz vor Ausbruch des Stalin-Tito-Konflikts, sie würden sich für die Rückgabe des ganzen Freistaates an Italien einsetzen. Daß Attlee diesen Beschluß jetzt mit Zustimmung der Amerikaner erneut bestätigt und gleichzeitig vorgeschlagen hat, beide Länder sollten direkte Verhandlungen aufnehmen, deutet darauf hin, daß ein Kompromiß gesucht werden soll. Der aber könnte nur darin bestehen, daß die von den Angloamerikanern besetzte städtische Zone A an Italien, die ländliche Zone B an Jugoslawien fällt. Erst vor wenigen Tagen hat Tito in einer Rede gesagt, daß die Frage „an einem Tage gelöst werden“ könne, wenn sich Jugoslawen und Italiener an einen Tisch setzten. Doch ist daraufhin offenbar von der Kominform-Opposition so laut „Verrat“ geschrien worden, daß es geraten war, Gegendampf zu geben. „Die Rückkehr zur Dreimächteerklärung vom März 1948 wird die Lösung schwierig, wenn nicht unmöglich machen“, schreibt jetzt die Belgrader Presse. Und gleichzeitig werfen, zusammen mit der extremen Rechten, die italienischen Kommunisten. dem Ministerpräsidenten de Gasperi Verrat vor, weil er überhaupt einen Kompromiß in Betracht gezogen habe. So rückt die Lösung wieder in die Ferne, so dringlich sie für die Verteidigung Südeuropas wäre.

Die Westalliierten stehen vor der Frage, wie man die territorialen Differenzen der kleineren Verbündeten erledigen soll. Hitler-Deutschland fällte in der gleichen Lage zeremonienreiche Schiedssprüche und ordnete sodann die Durchführung autoritär an. Die Sowjetunion bringt es fertig, daß derjenige Verbündete, der einem andern ein Gebiet abzutreten hat, in großen Jubel ausbricht und fortgesetzte Lustschreie über die Weisheit und Gerechtigkeit Stalins ausstößt. Es ist abzuwarten, welche dritte Methode die Westmächte finden werden, um notwendige Lesungen auch trotz des Lärms der Nationalisten durchzusetzen, An sich sollte die Frage, wem ein paar Quadratkilometer Land zufallen, nicht da großes Projekt stören. Viel wichtiger wäre es, Vorsorge zu treffen, daß die dortigen Menschen anständig behandelt werden. H. A.