Von Erich Trunz

Die Osterzeit war in den deutschen Städten des 14. und 15. Jahrhunderts die Zeit der großen religiösen Schauspiele. Das ausgehende Mittelalter hat eine hohe Entwicklung des deutschen Dramas hervorgebracht, Werke von überwältigender Innigkeit, herber Kraft und zauberischer Süße. Aber sie sind heute wenig bekannt-Das liegt hauptsächlich an ihrer Sprache: Das Frühneuhochdeutsch und das Niederdeutsch jener diese liest sich recht schwer. Dennoch sollten wir diese große Dichtung nicht vergessen.

Recht viele geistliche Spiele sind uns aus dem späten Mittelalter überliefert. Aus den Städtechroniken wissen wir, daß noch viel mehr als diese individuellen bestanden haben. Es sind keine individuellen dichterischen Werke im Sinne der Neuzeit, denn es gab – neben mancherlei kleinen Legendenspielen – eigentlich nur ein einziges großes Drama, das Drama schlechthin; das Spiel von der Passion und Auferstehung Christi. Man formte es für jede Aufführung neu. Man spielte es als kultisches Spiel zu Ostern. Dieses Drama konnte sich auf einige Szenen beschränken: Maria mit zwei anderen Frauen geht zu dem Grabe Christi, um den Leichnam zu balsamieren. Dort aber treffen die Frauen drei Engel, weiche sagen, der Heiland sei auferstanden; sie sollten zu den Jüngern gehen und es ihnen verkünden. Die Frauen gehen und berichten es den Jüngern. Thomas ist ungläubig. Dann aber erscheint der Auferstandene selbst, und im Gespräch mit ihm ersteht der Sinn des großen Heilsgeschehens in voller Klarheit.

Das Spiel kann nun seine Handlung auch früher einsetzen lassen, bei Christi Passion. Dann wird aus dem Osterspiel das Passionsspiel. Es beginnt meist mit Johannes dem Täufer und bringt dann als weitere Szenen: Jesu Predigten; Maria Magdalena; Beratungen der Juden; das Abendmahl; die Szenen am Ölberg; Jesus vor Annas, vor Kaiphas, vor Pilatus und vor Herodes; Dornenkrönung, Kreuztragung und Kreuzigung. Hier schließt das eigentliche Osterspiel an.

Wie aber auch das Spiel sein mag – immer bringt es zum Ausdruck, daß es nur ein Bruchstück ist aus der großen, alles umfassenden Heilsgeschichte. Zwischen Adams Sündenfall und dem Jüngsten Gericht gibt es einen Wendepunkt: die Erlösungstat des menschgewordenen Gottes. Welcher Ausschnitt aus dem Geschehen auch gezeigt wird – immer weist er hin auf diesen umfassenden Zusammenhang. Mitunter läßt man das Spiel darum auch mit Adam und Eva und dem Sündenfall beginnen und führt es weiter bis zum Pfingstgeschehen, von wo aus dann sich ein Ausblick auf die Weltgeschichte bis zum Jüngsten Gericht ergibt. Diesen Zusammenhang macht das Drama zumal auch dadurch anschaulich, daß es den beständigen Kampf zwischen höllischer und himmlischer Welt zeigt. Engel und Teufel erscheinen immer wieder auf der Bühne und greifen in die Handlung ein. Die Wandlung in der Heilsgeschichte wird unterstrichen durch zwei allegorische Gestalten, die den alten und den neuen Bund Gottes mit den Menschen verkörpern, Synagoge und Ecclesia.

Man kann sich ein mittelalterliches Spiel gar nicht farbig und lebendig genug vorstellen. Man spielte vor der Kirche oder auf dem Markt. Das Spiel dauerte einen Tag, mitunter auch zwei oder drei Tage. Die Rollen der Heiligen wurden meist von Geistlichen oder Klosterschülern gespielt, alle anderen Rollen von Bürgern der Stadt, auch von Frauen und Mädchen. Es gab keine Berufsschauspieler. – In prächtigem Aufzug marschieren zu Beginn alle Spieler auf und begeben sich an ihre festen Plätze. Dann beginnt das Spiel mit seinem Wechsel von Massen- und Einzelszenen. Die Teufel erscheinen in grotesken Masken. Sie haben zugleich die Aufgabe, das Spielfeld freizuhalten und Zuschauer, welche sich zu nahe herandrängen, zu verscheuchen. Die Engel sind prächtig und einheitlich gekleidet und singen im Chor. Die Soldaten des Herodes kommen mit blitzenden Waffen, um 1500 sogar mit Kanonen. Das Spiel ist weitgehend opernhaft: es wird viel gesungen, besonders in den lyrischen Szenen. Die Sprache zeigt, zumal in den Frauenrollen oft große Zartheit. Als in dem „Wiener Osterspiel“ Maria Magdalena das Grab leer gefunden hat, spricht sie:

Der Stein ist abe