Von Josef Marein

Gegen einen Aufsatz von Josef Marein „Das Haus der großen Intrigen“, der in der Ausgabe der „Zeit“ vom 8. März 1951 die Situation des Nord westdeutschen Rundfunks schilderte, haben sowohl der vorige als auch der jetzige Vorsitzende des NWDR-Verwaltungsrats protestiert. Dies vor allem, weil sie das Wort „Intrigen“ auch auf den „Verwaltungsrat“ bezogen. Nicht zu Unrecht – wie wir hinzufügen möchten...

Wäre er nicht zugleich Vorsitzender des Rundfunk-Verwaltungsrates, so wäre diesmal ein Anlaß, den Universitätslehrer der Zeitungswissenschaft, Professor Dovifat, zu fragen, wozu eigentlich eine Zeitung da sei? Nicht etwa auch zu dem Zweck, Mißstände aufzuzeigen, wenn das Interesse der Öffentlichkeit dies verlangt? Professor Dovifat schrieb zwar, daß die „Zeit“ in ihrer „geistigen Qualität und ihrer sachlichen Information stets von besonderem Werte“ sei, sozusagen im gleichen Atemzuge aber fügte er hinzu: „Tendenz und stilistische Prägung des Artikels ‚Das Haus der großen Intrigen‘ fallen aus diesem bewährten Rahmen heraus.“ – „Stilistische Prägung“, die aus „bewährtem Rahmen“ fiel: dies scheint in gutem Deutsch ein Ausdruck dafür zu sein, daß der getadelte Aufsatz in schlechtem Deutsch verfaßt gewesen sei. Doch schien Professor Dovifat seinen Tadel selbst als unsachlich zu empfinden, denn er schrieb weiter: „Sachlich darf ich schließlich mitteilen, daß der Verwaltungsrat niemals einen Beschluß gefaßt hat, Hörspiele bei Wiederholung nicht zu bezahlen.“ Sehr hübsch! Wir hatten ja auch nur gefragt, ob es etwa nicht der Verwaltungsrat gewesen sei, der dies angeordnet habe. Es muß also jemand anders gewesen sein, der’s vorschlug. Folgendes Dilemma aber wird selbst Professor Dovifat nicht. leugnen können: daß nämlich mehr Hörspiele gebraucht werden als – nach dem Spezialetat – bezahlt werden können. Vorläufig ist es daher so, daß dies jene Autoren an ihrem ohnehin schmalen Geldbeutel büßen müssen, die für das UKW-Programm des reichen Rundfunks Hörspiele schreiben. In dieser Situation aber stellte einmal ein Mitglied des „Verwaltungsrates“ an einen Verantwortlichen des Programms die lapidare, von tiefem „Kunstsinn“ zeugende Frage: „Sagen Sie mal, warum senden Sie nicht mal ’n schönes Hörspiel?“ Was aber die Bereitschaft des Professors Dovifat betrifft, zu loben und zu tadeln, sei ihm erwidert, daß es nicht unbedingt die Aufgabe einer Zeitung ist, die Öffentlichkeit in Schlaf zu lullen und narkotische Artikel zu schreiben, „welche sich denn freilich am klaren Tage, dessen sich das mittlere Deutschland erfreut, lieder underlich wie nehmen“. („Blicke in’s Reich der Gnade, Sammlung evangelischer Predigten von Dr. Krummacher, Pfarrer zu Gemarke“, Goethe 1830.)

Doch nun zu Professor Raskop, Dozent an der Pädagogischen Akademie zu Dortmund und Rundfunkberater des Ministerpräsidenten Arnold in Nordrhein-Westfalen! Er schickte einen Protest, in dem der Hamburger Sender statt „Haus der großen Intrigen“ nur „Haus der kleinen Intrigen“ genannt wurde. Ein Mann der Nuancen, wie man sieht. Was aber Professor Grimme angeht – so protestierte er nicht. Gerade eben noch hatte der auf einem NWDR-Bierabend in Bonn dem dortigen Korrespondenten der „Zeit“ erklärt, es habe den Anschein, als ob die Bestrebungen, die Sender Köln und Hamburg zu trennen, aufgegeben seien, da konnte er ein paar Tage später in den Zeitungen lesen, daß auf einer großen Tagung im Erzbischöflichen Institut für katholische Sozialarbeit in Anwesenheit des Professors Raskop die „Wiedererlangung der alten Selbständigkeit für den Sender Köln“ verlangt worden sei. Und bei so „guten“ Informationen sollte Professor Grimme Manns genug sein, die Trennung der Sender zu verhindern? Doch genug der „Witzeleien“, wie’s im Wortlaut eines dritten Protestes lautete, den ein „Orgelbausachverständiger“ zum besten gab und mit dem Hinweis begleitete, durch „Anschlagskunst“ unterscheide sich ein Orgelküistler von einem gewöhnlichen Organisten (eine Behauptung, die jeden Musiker verwundern wird) – es soll sachlich gesprochen werden! Die Sache verdient’s!

Zunächst ein Dementi. Wir schrieben (siehe „Das Haus der großen Intrigen“), daß die Generaldirektion des NWDR jährlich fast drei Mill. Mark verschlänge. Dies hat sich als unwahr herausgestellt. Wahr ist vielmehr, daß der Voranschlag mehr als fünf Millionen Mark einsetzt. Das ist schon eine Antwort auf die vielen Fragen: „Wo bleibt das Geld?“ – Eine andere Antwort lautet: Es wird beim Rundfunk viel eher an Gehältern und Honoraren als beispielsweise an – Baukosten gespart. Wie Professor Dovifat an die „Zeit“ schrieb, hat der „Verwaltungsrat“ die Pflicht, „auf das Gewissenhafteste mit Hörergeldern umzugehen“. Da der „Verwaltungsrat“ gar so gewissenhaft bei der Beratung der geplanten Konzertorgel für das Hamburger Sendehaus war, daß das endlich in Auftrag gegebene Instrument heute schon viele tausend Mark mehr kostet als beim Beginn der Beratungen, weiß man, was Gewissenhaftigkeit bedeutet, wenn sie gepaart ist mit Entschlußlosigkeit. Aber weiter im Text –: Man kann’s doch wohl nicht Gewissenhaftigkeit nennen, was jetzt beim Erweiterungsbau des Hamburger Sendehauses geschieht! Da hat man einen Neubau errichtet, den man mit dem alten, allerdings zu kleinen Bau verbinden muß. Und was diese Verbindung, diesen „Durchbau“ angeht – was tut man da? Um Treppen und Treppchen zu sparen, werden die Maße des alten Hauses nivelliert, damit alles schön auf gleicher Ebene liegt, und also erscheint bei den Kosten des „Durchbaues“ der Posten: 200 000 Mark. Und weiter im Text: Um die Anlagen der Zentralheizung zusammenzufassen, wird ein Wirtschaftshaus errichtet: 300 000 Mark. Und weiter: Der NWDR besitzt einige Wohnhäuser in Hamburg, eines davon am Harvestehuder Weg 7. An Mieten nimmt er dort jährlich 16 500 Mark ein, aber 28 000 Mark gibt er jährlich aus für dieses Haus. Ein anderer würde ein solches Haus, das so viel mehr kostet als es einbringt, verkaufen. Der Rundfunk nicht. „Sorgfaltspflicht ...“ Und dann ist da im Etat-Voranschlag für 1951/1952 ein ganz seltsamer Posten, in dem in verwegener Harmonie folgende Werkzeuge auf dem Beschaffungskonto stehen: Rechenmaschinen, Bohnermaschinen, Musikinstrumente, summa summarum: 200 000 Mark. Dies Konto ist wirklich ein Lobgesang der „Sorgfaltspflicht, mit Hörergeldern umzugehen“. Und allenthalben im Etat-Voranschlag sind „Stille Reserven“ vorgesehen; für den Fall beispielsweise, daß der Rundfunk einmal Umsatzsteuer bezahlen müßte, liegen fast fünf Millionen still bereit. Nimmt doch der Nordwestdeutsche Rundfunk alljährlich 83 Millionen Mark ein, eine Summe, von der die der Post zukommenden Gelder schon abgerechnet sind! Noch einmal die Frage: ,Wohin mit dem Hörer-Geld?’ – Dahin, dahin...

Man wird um eine Reorganisation des Rundfunks nicht herumkommen! Trotz Dr. Grimmes, des noch für zwei Jahre gewählten Generaldirektors, dessen Stärke ein humanistisch-pädagogischer Idealismus und dessen Gefahr die viel zu große Konzilianz seines Wesens ist! Man wird eine Reorganisation vornehmen müssen. Schon Professor Raskops Bemühungen, die Sender Köln und Hamburg zu trennen, werden es dahin bringen – ob Dr. Grimme es bemerkt oder nicht. Die Wurzel des Übels liegt heute darin, daß Beamtentypen in der Verwaltung die Künstlertypen im Programm einengen, ob sie dies wahrhaben wollen oder nicht. Eine „Körperschaft des öffentlichen Rechtes“ muß nicht unbedingt ein verbeamteter Apparat sein. Ist sie es, wie hier, so ist es von Übel.

Am Anfang stand der Passus, daß die vier Ministerpräsidenten der nordwestdeutschen Länder im „Hauptausschuß“ des NWDR eine Stimme erhielten. Außerdem hieß es, die Kultusminister der Länder sollten kulturbeflissene Persönlichkeiten vorschlagen und in den Hauptausschuß entsenden. Sie aber schlugen sich gegenseitig vor, da waren es schon acht hohe Beamte. Naturgemäß sind diese Acht vor allem an NWDR-Überschüssen interessiert, die laut Paragraph 17 der Satzung in die Kulturfonds der Länder fließen sollen. Diese Kulturbeträge machen pro Hörer rund zwölf Pfennige monatlich aus. Eine Art Kultursteuer also; eine Summe übrigens, über deren Verwendung bisher allein der Stadtstaat Hamburg abgerechnet hat. Nicht, daß hier die korrekte Verwendung dieser Summe bezweifelt werden sollte! Aber wenn schon Kultursteuer – warum nicht unterschiedlich und je nach Leistungsvermögen des einzelnen Hörers?