In den nächsten Tagen wird der Landtag Niedersachsens über eine Gesetzesvorlage zu entscheiden haben, nach der die "Volkswagenstadt" Wolfsburg aus dem Landkreis Gifhorn ausscheiden und einen selbständigen Stadtkreis bilden soll.

Eine Stadt, die Wolfsburg ähnlich wäre, findet man in ganz Deutschland nicht. Eine künstliche Stadt, aus dem Nichts entstanden. Geplant nach Großmannssüchten und dann im Dreck steckengeblieben. Ein einziger, mächtiger Arbeitgeben das Volkswagen-Werk. Eine Einwohnerschaft, die aus allen Gegenden Deutschlands zusammenkam und dennoch einig ist in dem vorherrschenden Interesse, ein möglichst gutes, möglichst billiges Auto zu bauen: den Volkswagen. Das psychologische Merkmal des heutigen Wolfsburg, aus allen Gesprächen erspürbar, ist der Werkstolz der Facharbeiter. Das soziologische Charakteristikum ist: Mehr Männer als Frauen, viele Flüchtlinge und wenig alte Leute. Die städtebaulichen Merkmale sind Bauzäune, Mörtelgruben, halbfertige, unverputzte Mauern. "Neu-Texas". Mehr Baulücken als Häuser. Und doch leben in dieser Stadt, die im August 1945 14 000 Einwohner zählte, heute 27 000 Menschen. Und dennoch ist von den 15 000 Arbeitnehmern des Werkes nur die Hälfte in Wolfsburg ansässig; die andere Hälfte besteht aus "Pendlern".

Nach prominenten Wolfsburgern gefragt, nennen die Einwohner zwei Männer: den Grafen von der Schulenburg, dem das benachbarte Schloß Wolfsburg gehörte, nach dem die Stadt ihren Namen hat, und den Generaldirektor Nordhoff. Der eine, der einst den Grund und Baden für Werk und Stadt hergeben mußte, ist als Grandseigneur der fremden "guten alten Zeit" beliebt und gern bei den Veranstaltungen als Gast gesehen. Der andere, der Prototyp der neuen Zeit, ein genialer Organisator und Wirtschaftsführer, genießt das Ansehen eines Mannes, der das Werk über alle Krisen hinweg zu neuer Größe führte und der Stadt ein wirklich weltweites Ansehen gab. Von mittlerer Prominenz sind die Namen zweier Baumeister! der eine heißt Koller; er, der einst die Stadt als Beauftragter Speers so plante, daß: eine "Akroplis" auf dem Hügel gegenüber dem Kanal das Bild des Ganzen beherrschen sollte, lebt heute als Privatarchitekt in Wolfsburg, wo er die katholische Kirche baut. Der andere ist der in Hamburg wohnhafte Städtebauer Reichow, dem der Auftrag zuteil wurde, das Wolfsburg der Zukunft zu bauen. Soeben hat er im halbvollendeten Neubau einer großen Volksschule eine Ausstellung "Wolfsburg baut auf" eröffnet, wo Modelle und Diagramme zeigen, was alles und wie alles werden soll. Nichts mehr von einer "Akropolis"! Statt dessen ein wirklicher Stadtmittelpunkt: eine breite Geschäftsstraße quer durch die Siedlung; an einem Ende bestimmt durch den Blick auf die "Wolfsburg", am anderen-Ende durch den Blick auf den bewaldeten Hügel, wo heute noch eine schmucklose Baracke steht, in der Dr. Porsche wohnte, spartanisch bescheiden. Aber –: Wer heute nach Wolfsburg kommt, um die Entwicklung dieser künstlichen Stadt zu sehen – der einzigen in Deutschland, währenddessen England zur Zeit fünf derartige große Städte baut! –, der erfährt sogleich von einem Mißstand, der alle Aufbauarbeit und alle Pionierpläne gefährdet, ja, unmöglich macht...

Die Arbeiterstadt Wolfsburg liegt am Rande des ländlichen Kreises Gifhorn. Heute schon fast dreimal so groß wie die Kreisstadt, wird Wolfsburg – das nicht mehr Rechte als eine Landgemeinde genießt – nach zwei, drei Jahren zwischen 40 000 bis 50 000 Einwohner haben, wenn der Aufbau glückt. "Die Pläne können nicht glücken", so urteilen iedoch die Sachverständigen, "solange Wolfsburg im Kreise Gifhorn verbleibt." Daher verlangen nicht nur die Männer der Stadtverwaltung, sondern auch die Einwohner der Stadt mit Leidenschaft eines –: die "Auskreisung". Wer die Gründe dieses Verlangens untersucht, stellt verblüffende wirtschaftliche, politische und – menschliche Situationen fest. Da sind also Tausende, die in Wolfsburg arbeiten, aber dort nicht wohnen können. Sie haben viel zu weite Wege, hausen in dörflichen Häusern, nehmen den Bauern den Platz und den Landarbeitern die Lust, weiter Landarbeiter zu bleiben. Denn das Volkswagenwerk zahlt gute Löhne, und die Bauernmagd sieht’s mit scheelen Augen, geht sonntags die Arbeiterin des Volkswagenwerks nett geputzt zum; Tanz. Die Arbeiter möchten gerne dort wohnen, wo sie – auch nach der Ansicht der Bauern – hingehören? in der Stadt. Und die Stadt wäre tatsächlich in der Lage, in zwei, drei Jahren alle die Arbeiter aufzunehmen, müßte sie nicht an den Landkreis die hohen Kreisabgaben zahlen.

Der Kreis Gifhorn möchte aber Wolfsburg nicht freigeben. Gleicht doch diese Stadt der "melkenden Kuh"! Die Hälfte aller Gelder, die der Kreis kassiert, kommen aus Wolfsburg, der Stadt, für die, der Kreis nichts Wesentliches leistet! So müßte, würde Wolfsburg nicht "ausgekreist", diese Stadt, bei einer Etatsumme von rund 8,5 Millionen Mark, zukünftig an den Kreis eine Kreisumlage von 2,5 Millionen Mark leisten und außerdem noch eine Nachzahlung von 1,1 Millionen Mark auf die Kreisumlage geben gemäß dem neuen Finanzausgleichsgesetz. Für Wolfsburg heißt dies, daß es alle heute schon begonnenen öffentlichen Bauten einstellen müßte und zum Privatwohnungsbau nicht mehr beitragen könnte. Die Stadt, deren Zukunftsbild sich heute so vielversprechend abzeichnet, bliebe was sie ist: wüst, leer, unorganisch. Seltsam ist bei alledem die politische Situation: CDU und DP, also die bürgerlichen Parteien, identifizieren sich mit den Forderungen der Arbeiterstadt. Diese Abgeordneten sehen einen doppelten Vorteil: daß nämlich in Zukunft der Kreis Gifhorn infolge seiner bäuerlichen Mehrheit nicht mehr sozialdemokratisch wählen wird und daß sie gleichzeitig bei den Arbeitern von Wolfsburg auf Dankbarkeit rechnen können. Die SPD jedoch, obwohl doch berufen, die Arbeiter zu repräsentieren, fürchtet nun um ihren Einfluß im Kreis Gifhorn. In dieser Situation hat Wolfsburg etwas wie "Lösegeld" geboten: Zuschüsse und Leistungen von fast drei Millionen Mark. Und nicht nur "Lösegeld", sondern obendrein noch eine Art von "Tribut": eine Rente, über deren Höhe die Wolfsburger noch mit sich reden lassen würden. – Wolfsburg pflegt die demokratische Sitte, daß die Stadträte in öffentlicher Versammlung Rede und Antwort stehen. Und bei solchem Anlaß ist jüngst aus den Reihen der Bürger das Wort gefallen: "Die Herren Politiker sollen uns doch leben lassen! Dann würden wir gern auch den Kreis Gifhorn – leben lassen, wären wir ihn nur erst los..."