Von Hans Jürgen Hansen

Man trifft in Deutschland, anders als etwa in England, Frankreich, den skandinavischen Ländern oder Amerika, selten auf gute künstlerische Plakate. Um so mehr muß man das Plakat begrüßen, das die vom 14. bis zum 20. März in Hamburg stattfindende „Woche der deutschen Kunststudenten“ ankündigte. Und da sind wir schon beim Thema der „angewandten Kunst“ ...

Im Zeitalter, da man alles klassifiziert und definiert, hat man auch die Begriffe „freie“ und „angewandte“ Kunst geprägt. Freie Kunst – das ist l’art pour l’art; angewandte Kunst dient einem Zweck. Aber beginnen heute sich die Begriffe nicht wieder zu verschmelzen? Beginnt man nicht einzusehen, daß es eigentlich wenig Sinn habe, einen Unterschied zwischen beiden zu machen? Es scheint so. Und das wäre gut, weil die Kunst dadurch möglicherweise wieder ein engeres Verhältnis zum täglichen Leben finden kann.

Anläßlich der „Kunststudentenwoche“ zu Hamburg verkündete der vom Dessauer Bauhaus kommende Architekturprofessor Gustav Hassenpflug eine Art Programm der von ihm geleiteten Hamburger Landeskunstschule: Oberwindung des Akademismus, engste Verbindung und Zusammenarbeit von „freier“ und „angewandter“ Kunst. Erkenntnis der wissenschaftlichen, technischen und sozialen Grundlagen der Kunst und deren Einbeziehung in die künstlerische Arbeit, Verbindung von Lehre und Forschung, Überwindung der ausschließlichen Luxuskunst.

Die Hamburger Landeskunstschule möchte also bei der Ausbildung der Schüler von Anfang an die Bedeutung der Kunst für alle Zweige des modernen täglichen Lebens berücksichtigen. Dabei läßt sie sich zweifellos auch von der Absicht leiten, die Entstehung eines „Kunstproletariats“ von vornherein zu verhindern, indem sie die Schüler möglichst auf rein „praktische“ künstlerische Berufe vorbereitet und ihnen zum Beispiel Aussichten eröffnet, die sich in der Wirtschaft bieten können. Dies heißt, daß die Schüler der sogenannten kunstgewerblichen Klassen der Landeskunstschule nicht nur mit der rein handwerklichen Ausübung ihrer Tätigkeit vertraut gemacht werden, sondern ebenso auch mit den technischen Voraussetzungen zur Anwendung dieser Tätigkeit in der Industrie. Vor- und Nachteile dieser Bemühungen liegen auf der Hand: Das Gefühl für das Handwerkliche mag gefährdet werden, dagegen besteht einige Hoffnung auf die Verbesserung des allgemeinen Geschmacksniveaus im Publikum, falls die Erzeugung von Massenartikeln in die Hände künstlerisch und geschmacklich geschulter Fachleute gerät. Derartige Bestrebungen bezeichnet man im Ausland seit einiger Zeit mit dem Begriff stylistic, den man mit dem unschönen Wort „Geschmacksgestaltung“ ins Deutsche übersetzt hat.

Die Landeskunstschule Hamburg hat in ihren Textilklassen schon seit Jahren Versuche mit beträchtlichem (vor allem auch finanziellem) Erfolg gemacht. Maria May, die Leiterin dieser Klasse, war jahrelang als Dessinateurin in der Textilindustrie tätig und verfügt daher über umfangreiche praktische Erfahrungen. Sie läßt von ihren Schülerinnen Entwürfe von Stoffmustern für Modehäuser und Textilfabriken anfertigen, stellt jeweils saisonbedingte regelrechte Verkaufskollektionen bedruckter Stoffe zusammen und konnte der Schule auf diesem Gebiet einen bedeutenden Ruf in der Wirtschaft verschaffen. Die Schülerinnen und Schüler finden auf diese Weise bereits sehr früh einen Weg zur praktischen Bewährung und nach dem Abschluß des Studiums häufig sehr gute Anstellungen. Außerdem ist bemerkenswert, daß einige Söhne und Töchter von Textilfabrikanten heute Schüler der Hamburger Kunstschule sind. Die Lehrerin sieht darin eine Möglichkeit der „Geschmacksbeeinflussung“, falls nämlich die hier ausgebildeten künftigen Fabrikbesitzer die künstlerische Qualität ihrer Erzeugnisse bestimmen würden. Praktische und durchaus positive Beispiele angewandter Kunst sind auch eine Reihe ausgestellter Sgraffit-Arbeiten der Klasse von Professor Ortner. Diese Technik läßt sich verhältnismäßig einfach und mit denkbar geringen Kosten sehr vielfältig anwenden. Bei der überall in Deutschland herrschenden großen Bautätigkeit könnte gewiß manche Außen- und Innenwand moderner Gebäude auf diese Weise der „angewandten“ Künste dienen. Übrigens: Die Landeskunstschule konnte in einem Jahr Einkünfte aus der Wirtschaft von annähernd 60 000 DM verzeichnen. Die Gefahr ist allerdings, daß die Jugend sich von Anfang an zu sehr aufs Geldverdienen einstellt. Es gibt Schüler, die zeitweilig weit mehr verdienen als angesehene, ältere Künstler von Ruf. Sie richten sich nach den Erfordernissen der Wirtschaft, ehe sie eine künstlerische Selbständigkeit erlangt haben, sie sind nur „praktisch“ und verlieren allen Idealismus, ohne den große Kunst unvorstellbar ist. So sind denn auch trotz aller anerkennenswerten kunstgewerblichen Leistungen der verschiedenen Akademien einige anspruchslose Arbeiten „frei“ – Kunst am erfreulichsten: im Amerikahaus zu Hamburg eine Landschaft von Gisela Düvell (Kunstschule Bremen) und in der Kunsthalle die Straßenansicht eines Karlsruher Schülers sowie ein kubistisches Landschaftsaquarell aus der Grundklasse des Stuttgarter Professors Walter.

Bevor es die Photographie gab, war ein weitaus größerer Teil der Kunst „angewandt“, zweckgebunden; sie hatte zumindest den Zweck des Abbildens; und sie fand unmittelbare Resonanz beim breiten Publikum. Wer vermag aber zu entscheiden, ob nicht die Entwicklung wieder zu einer ausschließlich „angewandten“ Kunst führen wird? Picasso hat in den letzten Jahren keramische Arbeiten und Stoffdrucke angefertigt, Lurçat macht Teppiche. Und ist etwa die unbestreitbare Tatsache, daß die sogenannte moderne Kunst in ihrer „freien“ Erscheinungsform, beispielsweise als Bild Picassos, Braques, Kirchners oder Chiricos, vom breiten Publikum allgemein abgelehnt, dagegen in ihrer „angewandten“ Form, als expressionistisches Plakat, surrealistische Schaufensterdekoration oder kubistisches Tapetenmuster bedenkenlos akzeptiert wird, schon ein Hinweis auf die Zukunft?

Vielleicht wird es eines Tages kein „Kunstproletariat“ mehr geben, aber dafür möglicherweise auch keine Künstler, sondern nur noch gut verdienende „Geschmacksmanager“.