Am 9. Mai 1950 hat Schumann seine von Jean Monnet inspirierte Idee einer europäischen Montan-Union bekanntgegeben. Das, was am 19. März 1951 von der Vertretern Hollands, Beigiens, Luxemburgs, – Italiens, Frankreichs und Westdeutschlands paraphiert wurde, stimmt inhaltlich mit dem Arbeitsentwurf Monnets aus dem Sommer vorigen Jahres nur noch in wenigen Dingen überein. Grob gesprochen: es ist alles anders, geworden. Aber zur Debatte steht ja nun, was paraphiert wurde: In Form eines „Entwurfs eines Vertrages über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ liegt der Text vor, wie er den Regierungen und den Volksvertretungen zugeleitet worden ist. Für 95 Artikel hat man 52 Seiten gebraucht. Anlagen über die Begriffe „Kohle“ und „Stahl“, über „Schrott“ und „Edelstahl“ sind beigefügt, ebenso ein Protokoll über die Privilegien dieser Europäischen Gemeinschaft und über ihre Beziehungen zum Europa-Rat. 31 Paragraphen auf 31 Seiten regeln den Übergang zum „gemeinsamen Markt“. Über die Auflösung der Ruhrbehörde ist darin nichts gesagt. Nach des Kanzlers und Hallsteins Äußerungen aber, untermauert durch Pariser und Londoner Stimmen, ist mit positiven Gesprächen zur Auflösung dieser Organisation, die Zwangsexporte zu Zwangspreisen festsetzt, dann zu rechnen, wenn der Schumann-Plan paraphiert ist. Eine Auflösung „Zug um Zug“ hat Bonn also nicht durchsetzen können.

Artikel 3 des Entwurfs besagt, daß die Organe der Europäischen Gemeinschaft für eine geordnete Versorgung des gemeinsamen Marktes unter Berücksichtigung des Bedarfs dritter Länder zu sorgen, allen den Zugang zum gemeinsamen Markt zu sichern haben und dafür zuständig sind, daß sich die Preise im „üblichen“ Rahmen bewegen und daß der Anreiz für die Unternehmen erhalten bleibt, ihr Produktionspotential rationell auszubauen.

Nach Artikel 4 sind unvereinbar mit dem Prinzip des gemeinsamen Marktes für Kohle und Stahl: Ein- und Ausfuhrzölle oder Abgaben gleicher Wirkung sowie Mengenbeschränkungen und Diskriminierungen in Preis- sowie Lieferbedingungen, Subventionen innerhalb eines Staates und Aufteilung der Märkte.

Gemäß Artikel 7 gliedert sich die Europäische Gemeinschaft in die Hohe Behörde, der ein Beratender Ausschuß zur Seite steht, die Gemeinsame Versammlung, den Ministerrat und den Gerichtshof. Offen ist noch (Art. 9), aus wieviel Mitgliedern die Hohe Behörde besteht. Ebenso ist (Art. 10 und 11) der Ministerkonferenz, die wohl am 12. April sich erstmals äußern wird, vorbehalten, die Mitglieder der Hohen Behörde, ihre Präsidenten und Vizepräsidenten zu ernennen. Nach Art. 13 liegt es ebenfalls bei der Ministerkonferenz, die Beschlußfähigkeit der Hohen Behörde festzustellen. Ansonsten werden Entscheidungen mit der Mehrheit der Stimmen der Mitglieder gefaßt. Bei Stimmengleichheit gibt der Präsident den Ausschlag.

„Entscheidungen“ der Hohen Behörde (Art. 14) sind für alle Vertragsteilnehmer verbindlich. „Empfehlungen“ lassen die Wahl der Mittel, um ein bestimmtes verbindliches Ziel zu erreichen, offen. „Stellungnahmen“ sind unverbindlich.

Aus mindestens 30, höchstens 51 Mitgliedern besteht der Beratende Ausschuß bei der Hohen Behörde, zu gleichen Teilen aus Vertretern der Erzeuger, Arbeitnehmer sowie Verbraucher und Händler zusammengesetzt.

Die Gemeinsame Versammlung, deren Zusammensetzung der Ministerkonferenz vorbehalten bleibt (Art. 20, 21), hat Aufsichtsbefugnisse, tagt jährlich (Art. 22), erörtert öffentlich den Bericht, den ihm die Hohe Behörde vorlegen muß (Art. 24) und kann durch einen Mißtrauensantrag mit Zweidrittel-Mehrheit der abgegebenen Stimmen den Rücktritt der Hohen Behörde verlangen.