In einem stillen Landstrich jenseits der Weichsel reifte er zum Mann und sprach im Schwabenalter, als er zu schreiben begann, mit Wehmut von dem besten Teil seines Lebens, den er in Flachsenfingen verträumt habe, in Mummelburg, in Hühnerhorst. In Orten der Phantasie, die kein Landmesser kartographiert hat. Gemeint war mit allen drei das westpreußische Ackerstädtchen Gollub. Dort und in Thorn war Bogumils Heimat, die ihn als Verwalter des väterlichen Gutshofes, als Pächter kleiner Landstellen kläglich scheitern sah.

Als er vor 150 Jahren am 20. März in Warschau geboren wurde, war die polnische Metropole von den Preußen besetzt. Trotzdem wurde der Knabe Bogumil getauft, obwohl der Vorname Gottlieb dasselbe besagt hätte. Aber die slawische Version wurde für den Sohn des Warschauer Staatsgerichtsdirektors zur Schicksalsgunst, als er einen Schriftstellernamen brauchte. Go:tlieb Goltz wäre kaum ebenso rasch berühmt geworden wie Bogumil Goltz. Noch jetzt haftet der pittoreske Zusammenklang von Vor- und Nachname im Gedächtnis. Und jedenfalls er, weniger die Aufnahme seines Trägers in einen der fünfundfünfzig Bände der „Allgemeinen Deutschen Biographie“, untermauerte seine „kleine Unsterblichkeit“. Sie wurde im übrigen vor Reclams Universal-Bibliothek gehütet, deren Autor Bogumil Goltz bis in die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen war.

In einer Epoche, der – nach Richard M. Meyers hübscher Beobachtung – Grobheit nahezu gleichbedeutend mit Charakter erschien, machte Bogumil Goltz Aufsehen als bärbeißiges Originalgenie. Sein Signum war eher der Havelock als ein farbenschreiendes Halstuch. Trotzdem witterte der Wiener Feuilletonist Kürnberger in ihm „eine echte Urschrift der Natur“. Schärfer hat ihn Friedrich Hebbel beobachtet. Bei Ottilie von Goethe an der Mittagstafel begegnete er „im Herren“ dem ungestümen Gast, der hier wie in anderen Salons und manchem Vortragssaal ungeniert den Wildbach seines Herzens hervortosen ließ.

In Wien hatte der späte Vierziger auf der Heimkehr aus Ägypten Station gemacht. Er hatte die Reise vom Honorar seines Erstlings bestritten. Dies „Buch der Kindheit“ wurde eine Art Bestseller. Wenn es jemals einen Dichter gab, der den Pfad zum Paradies der Kindheit zurückgefunden habe, dann sei es dieser – so urteilte Hebbel. Er revanchierte sich damit für die Bewunderung, die der Wildling seiner „Judith“ gezollt hatte. Später distanzierte sich Hebbel. Man begleite den „seltsamen Kauz“ in seinen Studien „Der Mensch und die Leute“ auf seinen Kreuz- und Querzügen mit Vergnügen, meinte er, kehre ihm jedoch am Ziel den Rücken. Bogumil Goltz könne „über einem Mäuseloch, das ihn an der Fassade ärgert, gar wohl den Turm eines Domes übersehen“. Mit dieser Bemerkung legte Hebbel einen kritischen Selbstschuß. Er selbst übersah den Dom, als er Stifters „Nachsommer“ mürrisch herunterriß.

Hinter der Schwärmerei für das Patriarchalische, für wehmütige Kindheitserinnerung loderte bei Bogumil Goltz ein kräftiges Temperament. Er war ein „männlicher“ Mann. „Wer die Eva gar nicht an sich kommen läßt, der hat die Adamsnatur eingebüßt.“ Das gestand Goltz in seiner „Charakteristik und Naturgeschichte der Frauen“, die, obenhin besehen, gewissen Darlegungen Schopenhauers wahlverwandt scheint. Aber Goltz produzierte sich nicht schlechtweg als Frauenfeind. Sein erotisches Empfinden war frei von Ressentiments. Treuherzig pries er die Liebe der Mütter zu ihren Babies, rühmte er, magnetisch angezogen, das weibliche als das „zähere“ Geschlecht. Gleichwohl entnahm er der Apologie des Weiblichen die Rückendeckung für bissige Denunziation. Eine Frau, trumpfte er auf, „igno-Jüngsten Tag, wenn sie ihre Schmachtlocken nicht effektiv weiß“. Von zwei Übeln könnten „Frauen solange nicht das kleinere wählen; bis ihnen das größere auf den Hals gekommen“ sei. Ohne die Herkunft solchen Bescheidwissens zu entschleiern, unterstellte er: „Es geht nicht überall auf Erden so ehrlich und schämig oder so grundvernünftig zwischen beiden Geschlechtern als im nördlichen Deutschland zu; aber auch dort wissen und exekutieren die knospenden Töchter der ‚höheren Töchterschulen‘ von Liebeskünsten und Naturwissenschaften zuweilen mehr, als in Ovids ArsAmandi zu lesen steht.“

Dieser apodiktische Ton, der Wechsel zwischen Biedermannssinn und Galligkeit, das Festhalten am durchschnittlichen Menschenverstand –: sie schufen seinen Schriften den weitreichenden Widerhall. Weder die moralischen Maßstäbe noch die modischen Idole der Zeit erschütterte er im Fundament. Er begnügte sich mit der verblüffenden Formel. Er variierte schwungvoll die Antithese von Kultur und barbarischer Gesundheit, von Vernünftigkeit und Kaprice, die er im Widerspiel von Mann und Frau lustvoll verkörpert sah. Sein Lieblingswort hieß Divination. Das Divinatorische, das intuitive Erfassungsvermögen leitete ihn dicht an die Erkenntnisse jener Komplexe und Verdrängungen heran, die Weininger und Freud ausloteten. Als deren analytische Resultate Gemeingut auch der Filmstudios und der Unterhaltungsliteratur geworden waren, veraltete das Originalgenie Bogumil Goltz unaufhaltsam. Er war gegen „leere, förmliche Lebensart“, gegen Prüderie und Hysterie Sturm gelaufen, hatte neue Register auf der Klaviatur seiner Epoche gespielt, doch war das Feuerwerk seiner grobianischen Entladungen in sich selbst zurückgefallen. Darüber ging ihm, der sich ans Populäre vergeudet hatte, nicht nur der Nachruhm verloren, sondern auch die Einschätzung seines Schicksals als eines, das in enttäuschte Illusionen ausgeklungen war: „Ein Herz, welches in der Liebe zum Vollgefühl seiner idealen Kraft und Natur gekommen ist, begreift auch an derselben das Geheimnis seiner Individualität zu tief, um nicht zu fühlen, daß es eben in den Augenblicken des höchsten Entzückens durch eine Sternenweite selbst von dem geliebten Herzen getrennt bleiben muß.“ Subtrahiert man von diesem Bekenntnis den umständlichen Stil, wird man es tapfer nennen und ihm Wahrheit zugestehen. Bogumils Grobheit, erkennt man zuletzt, war eine Ausflucht, war Notwehr.

Hansgeorg Maier