Uraufführung in Wuppertal

Wuppertal, im März

Hans-Joachim Haecker bringt den Kritiker in Verlegenheit. Das geistige Anliegen des Autors ist echt. Sein sprachlicher Ausdruck hat stellenweise den Rang der Dichtung. Aber die Form der Aussage verfehlt ihren Ort. Was schon der „Tod des Odysseus“ (Braunschweig 1949) anzeigte, bestätigte sich in Wuppertal bei der Uraufführung der Tragödie „David vor Saul“: Ein Buchdrama versagt auf dem Theater.

„Tragödie“ ist für Haecker diese biblische Geschichte, weil „unter Opferung des Menschen eine Entschleierung stattfindet, Wahrheit offenbar wird“, nämlich „daß der Mensch ausgeliefert ist Mächten (Gott oder Göttern oder dem Schicksal).“ Als Beispiel dient Saul Er folgt seinem eigenen Willen, wird deshalb von Gott verworfen, und David, der menschlich Einsame, aber willenloses Werkzeug Gottes, wird dem Verzweifelnden entgegengestellt. Dazwischen steht Jonathan, als Thronfolger zwar geprellt, aber Freund Davids aus Gegnerschaft zum Vater. Ein Frevler aber ist auch er, weil er sich die Freiheit des Individuums nimmt. Eine Glosse aus der Situation der Gesetzlosen liefert Sebulon: „Es ist der Stachel im Heiligen, daß es einfältig bleiben muß, daß ihm die Fülle fehlt, die Fülle aus der Trennung vom Gebot, die Vielfalt der Wege, die Fülle des Genusses, die Lust der Eroberung und der Zauber des Frevels.“ Ein Chor der Frauen von Jerusalem kommentiert mehr stimmungsmäßig als orakelhaft den Gang der Handlung, in der Haecker eine Tragödie der Macht fixieren wollte. Da er weder gleichnishaftes Mysterienspiel noch frommes Bekenntnisdrama bieten will, entwickelt er im biblischen Stoff, der analog einem antiken Mythos eingesetzt wird, aus religiöser Schau existentielle Situationen. Die Entscheidung soll der Zuschauer selbst fällen. Ein geistig nobles, philosophisch fundiertes Unternehmen, dem man gern zustimmen möchte. Nur sind es leider keine Menschen, die auf der Bühne stehen. Ihrer Sprache fehlt die Fülle, die Anschauungskraft, das Leben. Der Dialog mündet in Davids Psalmen.

Die Städtischen Bühnen Wuppertal – Solingen wandten an diesen aktuellen Diskussionsbeitrag auf der Bühne eine von Wolfgang von Stas mehr mit dem Silberstift nachzeichnende als komödiantisch auffüllende Inszenierung. Ihr äußeres Bild war von Werner Schachtel! a. G. modern geprägt. Die Überraschung des Premierenabends war die ungewöhnlich lebhafte Aufnahme durch das Publikum in Wuppertal, der Stadt der protestantischen Sekten. Die originalen Psalmen haben anscheinend den mangelnden Atem des Dramas ersetzt. Johannes Jacobi