Hoch soll er leben“, riefen die Schauspieler und hoben die Arme. Und als sie das zweitemal rufen wollten, blieben ihnen die Worte im Munde stecken und die Arme wollten auch nicht mehr so recht in die Luft. Denn ein Kollege stürzte durch den leeren Zuschauerraum und rief: „Aufhören, aufhören, das Theater ist geschlossen.“

Dabei war dieses Theater in der Museumstraße zu Hamburg-Altona eigentlich noch gar nicht eröffnet; die Premiere des neuen, selbständigen Altonaer Theaters sollte zu Ostern mit Hans J. Rehfischs Komödie „Lysistrata“ erfolgen. Daneben war Kästners „Emil und die Detektive“ vorgesehen, und in diese Probe platzte der Schauspieler mit seiner Hiobsbotschaft hinein.

„Hoch soll er leben“, hatte noch mancher Schauspieler einige Wochen vorher gedacht, als der Kollege Osthoff bei der Altonaer Kulturbehörde vorstellig wurde und bat, das Projekt eines selbständigen Altonaer Theaters, wie es vor dem Kriege bestanden hatte, ausführen zu dürfen. Osthoff war an sich in Altona ein Unbekannter. Er berichtete Altonas Kulturreferenten nun von seiner Tätigkeit an der Münchner „Schaubude“, und der Kulturreferent, Senator a. D. Kirch, sagt noch heute: „Er machte den besten Eindruck auf mich.“

Den besten Eindruck machte Osthoff überhaupt auf alle: auf die Schauspieler, die bei ihm Brot und Arbeit zu finden hofften (die Arbeit hatte er in Gestalt von Rollenbüchern gleich mitgebracht, das Brot – will sagen das Geld – sollte später kommen), auf den Autor des Er-Öffnungsstückes, Hans José Rehfisch („Ein außerordentlich begabter Regisseur“), und auf die Altonaer Firmen und Bürger, bei denen er vorsprach mit kleinen gelben Spendenzetteln in der Hand, um sie zu Geldspenden für das Theater zu bewegen. 100 000 Mark nämlich sollte er nach dem Willen der Hamburger Kulturbehörde aufweisen können – dann möge er in Gottes-Namen als Intendant das Theater eröffnen.

Herr Osthoff wies sie auf. Nicht in bar und auch nicht an Hand jener gelben Spendenzettel, sondern mit Hilfe einer notariellen Bescheinigung, in der der Notar lediglich erklärte, daß ihm Herr Osthoff Spendenzettel in Höhe von 100 000 DM vorgelegt habe. Und also begannen die Proben. Und also wurde die Eröffnung des Theaters für Ostersonnabend geplant, und die von Senator Kirch gepriesene Theaterbesessenheit des Herrn Osthoff zeigte ihre ersten Früchte.

Was aber nun eine Woche vor Eröffnung des Theaters passierte, war mehr als der Nadelstich in den von Osthoff mit Hilfe der gutgläubigen, aber reichlich naiven Altonaer Bürger aufgeblasen nen Ballon voller Hochstapelei und Geschwätz: Als sich nämlich der Eröffnungstag näherte und Osthoff aufgefordert wurde, die ausbedungene Mietvorauszahlung an den Hamburger Staat zu leisten, stellte sich heraus, daß an den 100 000 Mark 35 000 fehlten. „Sie sind nicht realisierbar“, sagt Herr Senator a. D. Kirch, der von der Not des deutschen Theaters in bewegten Worten spricht. „Was bedeutet ‚nicht realisierbar‘?“ will man von ihm wissen, „Hat Herr Osthoff sie in seine eigene Tasche gesteckt?“ – Nicht einen einzigen Pfennig habe Herr Osthoff in seine Tasche gesteckt, erfährt man, denn Herr Osthoff sei „ein theaterbesessener Mann“. Von den 35 000 Mark hätte er übrigens auch gar nichts in irgendeine Tasche stecken können, denn die 35 000 Mark existieren nicht. Herr Osthoff hat Spendenscheine in dieser Höhe gefälscht. Er hat sich bekannte Firmen ausgedacht und hat mit eigener Hand fünf dieser gelben Zettel links mit Tinte und rechts mit Bleistift unterschrieben. Und zwar so plump, daß auch ein Laie merkt, daß die zehn Unterschriften von ein und demselben Schreiber gefertigt sind. So hätten es vielleicht auch die verantwortlichen Altonaer Bürger gemerkt, wenn sie sich die Zettel einmal angesehen hätten. Aber das taten sie nicht.

Man stelle sich vor: ein Mann kommt in eine deutsche Stadt und man überträgt ihm die provisorische Leitung eines Theaters. Er fälscht Spendenscheine mit den Namen so bekannter Firmen, daß ein einziges Telefongespräch ihn entlarvt hätte. Aber mit Rücksichtnahme auf die „ge-, wünschte Anonymität“ der Spender ist dieses Telefongespräch niemals geführt worden. Und nun, wo es passiert ist, wird wahrscheinlich noch nicht einmal ein Strafantrag gestellt. „Er war doch ein Opfer seiner Theaterleidenschaft“, sagt Senator Kirch, „und deshalb sollten wir die Sache nicht zu einer Kriminalstory machen.“